Hannes Heer und die Kriegsenkel in der Golem-Bar

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Inter-Generational Viewing


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Opa und Oma im Vernichtungskrieg „aus der Perspektive junger Menschen“. Zur geschichtsrevisionistischen ZDF-Produktion „Unsere Mütter, unsere Väter“ (14 Mio. Euro. 7 Mio. Zuschauer) gab es in den Medien Gebrauchsanweisungen zum Dialog zwischen der „Kriegsteilnehmergeneration“ und ihren Kindern und Enkeln. In der FAZ trommelte Frank Schirrmacher, der schon mit Dietmar Dath die „Pop-Jugend“ an Bord geholt hatte, für den „Dialog der Generationen“: „Trommeln Sie am Sonntag die Familie zusammen und sehen Sie fern. Wo immer möglich sollten Eltern den Dreiteiler zusammen mit ihren Kindern ansehen. Und auch zusammen mit den Kindern der Kinder.“ (FAZ 15.3.2013 und 18.3.2013). In der neuen deutschen „Trauma-Forschung“ werden die Nachkommen der Tätergeneration als „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ bezeichnet. Die „Traumatisierung“ der Alten, so heißt es, habe auch sie traumatisiert. Eine Interpretation, die mittlerweile auch Konsens in popkulturellen Milieus ist.

Dieses Zusammenspiel wird hier am Beispiel einer Veranstaltung in der Hamburger Bar „Golem“ im November 2015 dargestellt.

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Krauts with attitude

Die Hamburger Bar GOLEM ist ein authentischer Ort der Kulturlinken. Hier wird geboten, was das Milieu bewegt:

• Der ehemalige Gitarrist einer Band, die (laut Konkret und Jungle World) linke Musik macht, ist jetzt Opern- und Theatermusiker und stellt seinen neuen Roman vor, der Korridorwelten heißt. • Ein stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton der Berliner Zeitung, spricht über Tocotronic, die Lieblingsband des FAZ-Feuilletons. • Ein Mann, der DJ-Workshops in Ramallah leitete, dann als Moderator beim WDR tätig war und für Spex, Groove und Taz schreibt, ist inzwischen künstlerischer Leiter des Master-Studiengangs Popmusik an der Universität der Künste Bochum. Er spricht darüber, dass Platten auflegen immer noch ein wesentlicher Teil seines Lebens ist. • Unter dem Motto Talkin’ bout a Revolution diskutiert ein FAZ-Redakteur mit einem Ökosozialisten, der einst im Bundestag saß und jetzt Kabarett macht, über „Klassenkampf im Dunkeln“. • An einem anderen Tag stellt der Freund des ökologischen Sozialismus wiederum zusammen mit einem Musiker und Theatermacher , der beim letzten Gaza-Krieg einen Aufruf gegen Israel initiierte, einen verstorbenen Autor vor, der laut Ankündigung ein Urvater der linken Boheme war. • Eine Frau, die als freie Autorin für Medien wie Konkret und Spex schreibt und an Unis zu den Themen Gender, Popkultur und Modetheorie unterrichtet, spricht über Stripperinnen als Inspirationsquelle und die Transsexualität von Musicals. • Ein Dozent für Musikkultur, Medien und Kommunikation hat vor sechs Jahren ein Buch über den Kapitalistischen Realismus geschrieben. Jetzt stellt er, finanziert von der HEW, sein neustes Werk vor. • Ein Autor, der seit Jahren zu Jugendkulturen im 20. Jahrhundert forscht und dazu schon Bücher veröffentlicht hat, spricht über die popkulturelle Bedeutung der Independent-Bewegung der frühen 80er. • Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Zentrum für Ethik an der Universität Tübingen referiert über seinen Verdacht, dass Pessimismus eine semantische Mode ist, welche einigen Theoriekulturen gewisse Vorteile verschafft. • Ein Reporter, der seit 30 Jahren eine Festanstellung bei der Wochenzeitung Die Zeit hat, gehört zum pathologischen Typus des Plattensammlers. Im Golem gewährt er Einblick in seine Sammlung. • Eine Chemie-Professorin, die auch Krimis schreibt und ein FAZ-Redakteur bieten einen wilden Ritt durch die Ideen des sozialen Fortschritts, loten den Spielraum des Möglichen im Gegebenen aus, decken verborgene Potentiale des Wirklichen auf und überwinden Denkschemata. • Ein Architekt, ein Künstler und eine Kunsttheoretikerin – alle drei aus Berlin/BRD – wollen einen Diskurs stärken, der realistische Kunstpraxis im Kapitalismus als Werkzeug für den Kampf um die künstlerische Produktion sieht. • Eine Filmproduzentin dekonstruiert am Beispiel einer alleinerziehenden Mutter, die ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit verdient, das viel zu oft romantisch verklärte Arbeitsfeld der Prostitution. • Vier nicht mehr ganz junge Popschreiber sprechen über Selbstausbeutung, Etatkürzungen und immateriellen Kapitalismus, also über die Krise des Musik- Journalismus in der digitalen Moderne. • Ein Spiegel-Online-Journalist, ein Aktivist im Recht-auf-Stadt-Netzwerk und zwei Konkret-Publizisten beobachten mit anhaltendem Erstaunen, dass der Hamburger Senat auf soziale Widersprüche mit Gewalt antwortet. • Eine Kabarettistin, zwei Satiriker und der Herausgeber von Konkret (bekannt u.a. aus dem Deutschlandfunk) reden über das Verhältnis zwischen Satire und linkem Denken: ist Hitler komisch? • Ein Autor, der schon wichtige Beiträge zum Zeitgeschehen formuliert hat, findet, dass alle Gesellschaftsfelder bis hin zur Subkultur von dem kapitalistischen Kosten-Nutzen-Kalkül okkupiert sind und möchte das Publikum auf emanzipatorische Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise hinweisen. • Ein Plattenhändler, Redakteur und Werbetexter, der in Handelsblatt, Titanic und Kicker schreibt, liest aus seinen „Briefen gegen den Mainstream“.

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Das ist also die Golem-Bar,
deren Kulturprogramm u.a. von den Marketing-Gruppe „Die Untüchtigen“ bestückt wird, die 2010 im NS-Flakbunker-Club „übel & gefährlich“ anfing und laut Hamburger Morgenpost aus Nonkonformisten, Müßiggängern, Umstürzlern und Exzentrikern aus dem Konkret-Umfeld besteht („Anarcho-Entertainer Rocko Schamoni, Punk-Ikone Schorsch Kamerun, Prekär-Musiker Frank Spilker und „Grünen“-Mitgründer Thomas Ebermann“).

Dieses Umfeld ist offenbar auch der richtige Ort für eine Veranstaltung am 3. November 2015 unter der Fragestellung: „Warum Krieg? Wie werden Menschen immer wieder für Kriege motiviert?.“

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In der Ankündigung heißt es:

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG), Reihe Outreach:
Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Hamburg

„Warum Krieg?“
Eine ungewöhnliche Annäherung im Golem am 03.11.2015. Eine Veranstaltung mit Hannes Heer, Gabriele Amelung (Vorstand DPG-Hamburg) und Torsten Maul.

Am 03. November gründet sich der Psychoanalytische Salon Hamburg, bei dem Psychoanalytiker, geladene Gäste und auch das Publikum zu aktuellen Themen der Zeit in ein förderliches Gespräch kommen wollen. Der erste Salon wird sich mit dem auch in Europa wieder sehr aktuellen Thema „Krieg“ befassen und der Frage nachgehen, wie Menschen immer wieder für Kriege zu motivieren sind. Die Psychoanalytiker Gabriele Amelung und Torsten Maul haben für diese Veranstaltung den Historiker Hannes Heer zu Gast, der die erste Wehrmachtsausstellung konzipierte. Der Rahmen ist mit der Golem-Bar so gewählt, dass nicht nur Fachpublikum angesprochen ist, sondern auch die interessierte Allgemeinheit. Für weitere Fragen/Erläuterungen wenden Sie sich bitte an Torsten Maul 0151-14979608 torsten.maul@t-online.de

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Vom „Krieg“ zu den „Kriegskindern“ von heute

Auf den ersten Blick ist der Sinn dieser Veranstaltung eher unverständlich. Es sind ja merkwürdige Fragen. Warum Krieg? Warum lassen sich Menschen immer wieder – von wem ? – zum Krieg überreden? Als Albert Einstein und Sigmund Freud vor mehr als 80 Jahren über Kriegsgründe diskutierten (der Buchtitel „Warum Krieg?“ unter dem der Briefwechsel später erschien, stammt vom Verlag) war zwar die Machtergreifung der Nazis abzusehen, aber nicht die Führung eines Vernichtungskrieges, der alles was man bis dahin über Kriege dachte, obsolet machte. Heute kann man so nur fragen, wenn man „den Menschen“ eine „natürliche pazifistische Haltung“ unterstellt, wenn man manipulative Mächte im Hintergrund vermutet und vor allem, wenn man zwischen Krieg um politische und ökonomische Vorherrschaft, Vernichtungskrieg, Anti-Hitler-Krieg, Krieg der Kurden gegen den IS etc. partout nicht unterscheiden will.

Aber schon damals wusste Sigmund Freud: „Man kann nicht alle Arten von Krieg in gleichem Maß verdammen; solange es Reiche und Nationen gibt, die zur rücksichtslosen Vernichtung anderer bereit sind, müssen diese anderen zum Krieg gerüstet sein.“ (Sigmund Freud an Albert Einstein, September 1932, Diogenes-Verlag 1972 ). „Es war Krieg“ war und ist doch gerade in Deutschland der rhetorische Trick, um so zu tun, als sei der deutsche Vernichtungskrieg ein Krieg wie jeder andere gewesen und die europäischen Juden eine reguläre Kriegspartei. Und von den Nazis „überredet“ worden wollten später auch alle sein.

Worum es hier gehen soll, wird erst klar, wenn man weiß, dass die Veranstaltung „Warum Krieg?“ Teil des DPG-Projekts „Transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg“ ist, das von Mercedes Dohrn-van Rossum geleitet wird. Über dieses Projekt heißt es auf der DPG-Homepage:

Die AG transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg hat sich 2011 gebildet. Die Gruppe ist interdisziplinär zusammengesetzt und untersucht Phänomene transgenerationaler Weitergabe im kulturellen Raum auf der Basis psychoanalytischer Erkenntnisse. Kontakt: Dipl. Psych. Gabriele Amelung , Psychoanalytikerin (DPG), g.amelung@online.de, Hannes Heer, Historiker, exhibit@hannesheer.de
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Das AG-Thema „Transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg“ bildet den Rahmen für ein anderes von Dohrn-van Rossum geleitetes Projekt, das schon länger existiert und über das das Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie mit anderen Instanzen der Hamburger Erinnerungskultur vernetzt ist. Es heißt:

„Kriegskinder auf der Flucht.
Zur transgenerationalen Weitergabe“.

Mit anderen Worten: Die Veranstaltung „Warum Krieg?“ der AG „Transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg“ ist der Einstieg in das Hauptthema dieses Psycho-Projekts über die Geheimnisse der „transgenerationalen Weitergabe“: die angeblich traumatisierten „Kriegskinder“ und deren ebenfalls tramatisierten Kinder, die „Kriegsenkel“.
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In der Projektankündigung heißt es:

Das Forschungsprojekt „Kriegskinder auf der Flucht. Zur transgenerationalen Weitergabe“ ist eine psychohistorische Studie, die mögliche Auswirkungen von Flucht und Vertreibung während des Zweiten Weltkrieges auf die nachfolgenden Generation untersucht. Sie hat das Ziel, die transgenerationalen Prozesse der Traumaverarbeitung aus der Kriegs- und NS Zeit zu ergründen. Es geht um die Frage, wie Kinder traumatische Erfahrungen im Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung verarbeitet haben, zum Beispiel den Verlust der Heimat … Studienleiter: Mercedes Dohrn-van Rossum, Psychoanalytikerin; Hans–Joachim Heist, Psychoanalytiker; Ulrich Stuhr, UKE Hamburg; Karl Christian Führer, Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg.

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Psychohistorie

Das Stichwort „psychohistorische Studie“ benennt den theoretischen Bezugsrahmen des Gesamtprojekts „transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg“.

Psychohistorie entstand vor rund 50 Jahren in den USA (Lloyd de Mause, Peter Gay u.a.) und wurde Ende der 1990er Jahre in Deutschland für eigene Zwecke adaptiert. Psychohistorie sieht im Unbewussten nicht EINE, sondern DIE treibende Kraft der Geschichte. Und weil das Unbewusste in der Kindheit geformt wird, ist Kindheit der Schlüssel zur Geschichte. Zum Beispiel Adolf Hitlers Kindheit, George Bushs Kindheit, Angela Merkels Kindheit, letztlich unser aller Kindheit.
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Die Ableitung geht so: • Kindheit und Erziehung bilden die Grundlagen für die handelnden Individuen. • Traumatisierungen, die unvermeidlich in der frühen Kindheit entstehen, bereiten den Boden für die „Verführung der Massen“ durch das Charisma der politischen Führer. • Das gelingt, weil in jedem Menschen auch ein kleiner Hitler steckt. • Was daraus wird hängt von situativen Fügungen ab. • Der „Nazi in uns“ ist der schwer fassbare Feind, der in jedem lauert. • Wer daher die Tätergeneration anklagt, sollte sich zuerst fragen, ob er unter den damaligen Umständen anders gehandelt hätte.

Diese Figur, die verschiedenen psychoanalytischen Klischees folgt (die „Lust am Verbotenen“, das „Böse in sich selbst“ etc.) wird also dazu benutzt, Verständnis für die Täter zu produzieren, deren Taten man gleichzeitig ablehnt und verstehbar macht.

Das Trauma der Tätergeneration, die heute „Erlebnisgeneration“ oder „Zeitzeugengeneration“ genannt wird, besteht also aus der Urtraumatisierung der Kindheit und aus der Kriegstraumatisierung. Diese Traumata geben sie an ihre Kinder und Enkel weiter, also auch an das Golem-Publikum, das demnach aus traumatisierten Kriegsenkeln und Kriegsurenkeln besteht. Diese „sekundär Traumatisierten“ imaginieren nun, was ihre Großeltern „erlebt“ haben.

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Das „Trauma“ der Tätergeneration
ist eine Erfindung ihrer Erben.

Mit dem Märchen von den sekundär traumatisierten deutschen Kriegskindern und Kriegsenkeln beanspruchen diese den Raum des Traumas in Konkurrenz mit dem Erinnern der wirklichen Opfer. Die 68er erklärten die Tätergeneration nach 1990 zu Opfern und die Enkel (Generation Golf etc.) wollen sich mit den Großeltern theatralisch versöhnen, obwohl sie nie ein Problem mit ihnen hatten.

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Golem-Bar
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„Viele der Kriegsenkel sind jetzt schon oder werden bald Entscheidungsträger sein.“ (Bernd Hüttner, Referent der Linkspartei für Geschichtspolitik). BILD: Sekundär traumatisierte Kriegsenkel ziehen in den Krieg, aus dem sie primär traumatisiert zurückkehren werden. Danach gibt es wieder neue sekundär traumatisierte Kriegskinder und Kriegsenkel.

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Deutsche entdecken das Trauma
in der Holocaust-Literatur – für sich!

In den letzten Jahrzehnten ist – vor allem in Israel, Polen und den USA – eine umfangreiche Literatur über Oral History und Trauma-Forschung entstanden. Es geht darin vor allem um die Reflexion der Erinnerungen der Überlebenden, um traumatische Langzeitfolgen sowie deren mögliche Übertragung auf Kinder und Enkel.

Diese Forschung hat seit Ende 1990er Jahre deutsche Begehrlichkeiten geweckt.

Zu erkennen sind vier eindeutige Trends:

→ Oral History hat sich in Deutschland zu einer Art Landser- und Trümmerfrauen-Wissenschaft entwickelt. Dabei mutierten die »Täter und Zuschauer« (Hilberg) als „Zeitzeugen“ zu Opfern der Umstände, die den wirklichen Zeitzeugen – den Überlebenden des Holocaust – auf obszöne Weise zur Seite gestellt werden.

→ „narrativ“ orientierten deutschen Psychologen und Therapeuten gelten die Täter und Zuschauer von damals darüber hinaus als von Krieg und Gewalt schwer traumatisierte Menschen, also erst recht als Opfer.

→ Bei den Kindern und Enkeln der ehemaligen Volksgenossen wird, in eindeutiger Parallelisierung zu den Nachkommen der Deportierten, ebenfalls eine „transgenerationale Weitergabe historischer Traumatisierungen“ entdeckt.

→ Der Trauma-Diskurs dient inzwischen der Optimierung der Kriegspsychiatrie. Die posttraumatischen Belastungsstörungen („Kampf-Trauma“) von Bundeswehrsoldaten nach Auslandseinsätzen waren schon ein Dauerthema in den Begleitprogrammen der ersten Wehrmachtsausstellung. Heute beraten sogar KZ-Gedenkstätten die Bundeswehr und begründen das mit ihrer „Trauma-Kompetenz“.

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Die deutsche Trauma-Begeisterung beruht auf folgenden Essentials:

→ Negative Anthropologie und Bekenntnis zur Faszination. Unter der dünnen Decke der Zivilisation lauert, in Schach gehalten nur von instabilen Normen oder dem staatlichen Gewaltmonopol, die vorzivilisierte Gewalt. Die Psychohistorie spricht vom „Hitler in uns allen“. Die Frage ist daher: „Wie hätte ich damals gehandelt?“

→ Abgrenzung von der angeblichen Einfühlungsverweigerung der Achtundsechziger in die Tätergeneration: „Wir wollen nicht zu Gericht sitzen“ und keine „unzumutbaren Schmerzen hervorrufen“.

→ Verlagerung des Interesses von den Verfolgten zu den Verfolgern, aber nicht im Sinn der Täterforschung von Christopher Browning oder Daniel Goldhagen, sondern anteilnehmend.

→ Abgrenzung gegen die „Täter/Opfer-Dichotomie“: „Wir brauchen eine Geschichtssicht ohne Verharmlosung, zugleich aber auch eine Betrachtung jenseits der Opfer-Täter-Kategorisierung.“

→ Emanzipation von Gewissensinstanzen (jeder weiß wer gemeint ist) und nationale Befreiung: „Deutschland muss zu einem Land werden, in dem angstfrei über das Vergangene gesprochen werden kann“.

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Deutsche waren nicht traumatisiert

Die deutschen Taten sind kein Fall, auf den die Methoden von Traumaforschung und Oral History angewendet werden können.

Schon in den 1960er Jahren zeigte eine Untersuchung von Alexander und Margarete Mitscherlich, dass bei der Tätergeneration eine psychische Traumatisierung NICHT klinisch verifiziert werden kann:

„Erstaunlicherweise kam es keineswegs zu einer massiven Vermehrung von Versagenszuständen, die bis zur klinisch faßbaren Krankheit geführt hätten. Aus den Aufzeichnungen über rund 4.000 Patienten geht hervor, daß sich nur extrem wenige Anhaltspunkte für den Zusammenhang ihrer gegenwärtigen Symptome mit Erlebnissen der Nazizeit fanden.“

Das Problem ist gerade, dass der militärischen Niederlage 1945 NICHT der psychische Kollaps folgte:

„Wahrscheinlich hätte nur die psychische Verelendung einen anderen Weg gangbar gemacht. Traurig waren sie wohl. Aber renitent und reuelos.“
(Peter Roos).

Wieso konnte die Tätergeneration ohne jedes Anzeichen eines Traumas in die zivile Gesellschaft zurückkehren? Der Grund ist kein Geheimnis: Sie haben sich damals nicht als Täter empfunden. Sie hatten materielle Vorteile aus der Verfolgung und der faschistischen Expansion gezogen und sich dabei als Herren gefühlt. Diese Erfahrungen waren alles andere als traumatisch. Sie waren in ihrem Reizschutz kaum verletzbar, weil sie sich bei den Gewalttaten, in denen sie sich verwirklichten, als pflichttreue Staatsbürger sehen konnten. Der Landser an der Front und der SS-Mann im KZ konnten ihr Handeln vor sich und ihrer sozialen Umgebung rechtfertigen.

Schon Freud wusste, dass der Konflikt zwischen „Friedens-Ich“ und „Soldaten-Ich“ entfällt, wenn die ganze Gesellschaft das Treiben an und hinter der Front billigt.

Nach dem 8. Mai 1945 profitierte die Tätergeneration von den enormen Vorteilen der Derealisierung, weil die NS-Schuldgemeinschaft nun zu einer Verleugnungsgemeinschaft mutierte, wo einer den anderen deckte (Persilscheine) und förderte – bis heute. Zudem wurde kaum jemand juristisch verfolgt. Die kollektive „Verdrängung“ bot allen Schutz. Für die spezifischen „Belastungen“ und Psychosen der Tätergeneration waren das sanatoriumsähnliche Bedingungen.

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Angriff auf die Erinnerung der NS-Opfer

Alle diese Erzählungen über deutsche Traumen sind Repräsentationen des Vergessens.

Sie besagen, dass die schmerzliche Vergangenheit der Überlebenden des Holocaust und des Vernichtungskrieges nicht das zentrale Trauma ist, für das es von anderen gehalten wird. Der deutsche Trauma-Begriff nivelliert die Unterschiede der Leidenssituationen und übergeht die konkreten leiblichen Aspekte einer Traumatisierung, indem er die seelische Verletzung von der besonderen Tortur trennt. Während die NS-Opfer über Monate und Jahre von Hunger, Sklavenarbeit und Folter gepeinigt waren und dabei (!) das Bewusstsein vom nahen Ende in Gestalt der bereits Ermordeten und der allmächtigen Peiniger vor Augen zu hatten, waren Landser und SS-Schergen auch bei Niederlagen noch bewaffnete Herren der Situation.

Deutsche „Trauma-Experten“ nivellieren den Unterschied zwischen Landsern und KZ-Häftlingen ganz bewusst. „Auf extreme Belastungen – an der Front, auf der Flucht, im KZ – reagieren Erwachsene durch psychische Zentralisation.“ Der Besteller-Autor Wolfgang Schmidtbauer, verschweigt nicht, wie er zu seinem Thema kam: „Die stete Präsenz des Traumas in der Arbeit mit jüdischen Analysanden hat meine Aufmerksamkeit für die traumatischen Prozesse in den Familien der Kriegsheimkehrer geweckt und geschärft.“ Auch die HIS-Mitarbeiterin Ulrike Jureit (ideologische Chefin der zweiten Wehrmachtsaustellung) möchte „ähnliche Muster“ zwischen „Zeitzeugen“-Berichten zum Hamburger „Feuersturm“ und Interviews mit Überlebenden des Holocaust erkennen.

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Autoren wie Primo Levi haben solche Vergleich zurück gewiesen:

„Ebenso wie unser Hunger nicht mit der Empfindung dessen zu vergleichen ist, der eine Mahlzeit ausgelassen hat, verlangt auch unsere Art zu frieren nach einem eigenen Namen.

Auch Jean Améry hat sich gegen Vergleiche verwahrt:

„Unmöglich kann ich den Parallelismus akzeptieren, der meinen Weg nebenher laufen ließe mit dem der Kerls, die mich mit dem Ochsenziemer züchtigten.“

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Vor 1990 gab es keine traumatisierten Deutschen

Der deutsche Trauma-Boom beginnt 1989/1990. Fast alle der heute bekannten Autoren haben das Thema nach eigenen Angaben „erst seit der Wende 1989“ entdeckt. Erst nach dem Verschwinden der Roten Armee und mit der neuen deutschen Souveränität konnten aus besiegten Tätern redefreudige „Zeitzeugen“ werden. Sie konnten jetzt aus der Gewinnerperspektive zurückschauen. Und es waren ihre Erben – die Kinder und Enkel – die ihnen jetzt wohlwollend das Mikrophon hinhielten und sie statt Täter nun „Zeitzeugen“ nannten. Dabei waren diese Leute nie in einer Situation, in der sie etwas bezeugen mussten, was die Mehrheit leugnet. Und was sie heute zu wissen behaupten, haben sie damals so nicht erlebt, weil ihnen ein Unrechtsbewußtsein fehlte.

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Kriegsenkel

„Wir, Eure Söhne und Töchter, eure Enkel werden euch – anders als 1968 – nicht selbstgerecht verurteilen und moralisch verdammen. Wir werden den Schmerz mit Euch teilen, im Wissen, dass keiner von uns sagen kann, er hätte in eurer Situation anders, anständiger gehandelt.“
(Hannes Heer in: Neue Deutsche Literatur 5/99)
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Der Raum des Traumas wird heute vom Nachwuchs der Berliner Republik geradezu begehrt. Sie wollen die überwiegend straffrei gebliebenen eigenen Eltern bzw. Großeltern vorteilhaft in diesen Diskurs einfügen – als psychisch beschädigte Menschen, die an ihren Taten ebenso leiden wie an Flucht und Vertreibung.

Die deutschen Kinder und Enkel, die im Unterschied zu den Kinder der Überlebenden meistens nicht wissen, was genau ihre Vorfahren in der Zeit des Nationalsozialismus getrieben hatten und die – ebenfalls im Unterschied zu Kinder der Überlebenden – die Möglichkeit hatten, sich mit ihren Eltern/Großeltern NICHT auseinanderzusetzen, werden in die Nähe der Nachkommen der überlebenden Deportierten gerückt – als Opfer ihrer traumatisierten Eltern und Großeltern. Die stilistische Diktion ist deutlich an der Holocaust-Literatur orientiert: „Trotz Wirtschaftswunder dauerten die Wirkungen des Krieges an. Die verleugneten psychischen Verletzungen wirken fort bis hin zu den Kindern und Enkeln.“

Doch die These von der Traumatisierung der Täter ist ein „billiger Freudismus“ (Jean Améry) und beruht auf „therapielosen Diagnosen“ (Michel de Certeau).

Sie ist eine Rückprojektion der ERBEN, die sich ihnen als Therapeuten anbieten und mit ihnen – während sie Geld und Immobilien gerne nahmen – die Bedeutung der Ereignisse neu aushandeln wollen. Wohlwollend wird unterstellt, die Bevölkerungsmehrheit habe damals an einem getrübten Bewusstsein gelitten, habe sich selbst belogen, ihre „eigentlich“ gute Gesinnung unterdrückt und sei gedankenlos hinter den Nazis hergelaufen. Der Zusammenhang von Antisemitismus und »Endlösung« wird als zufällig dargestellt.

Es geht hier letztlich darum, die Selbstviktimisierung der Deutschen zur zentralen Nachkriegserzählung zu machen. Damit reihen sich die Nachkommen als „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ in die Gruppe der deutschen Bombenopfer, der Vertriebenen, der vergewaltigten Frauen und der Kriegsgefangenen ein, die ihre angebliche Unschuld stellvertretend für alle Deutschen vortrugen, um die kollektive Opfererzählung glaubwürdig und vor allem moralisch akzeptabel zu machen.

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Warum in der Golem-Bar?

Am Anfang standen die Versöhnungsangebote der 68er an die Tätergeneration – ziemlich genau zu dem Zeitpunkt als sie Machtpositionen im nun „wiedervereinigten“ Deutschland übernahmen. Dann kam die „Enkelgeneration“ an die Reihe. Sofern sie aus dem Westen kam, musste sie zunächst die Bonner Republik , in der sie sozialisiert wurde, hinter sich lassen. So entstanden die „Pop-Literatur“ der Berliner Republik und die „Enkelromane“.

Diese „Enkel“ bilden heute die Hauptstütze der „Erinnerungskultur“ der Berliner Republik: „Meine Generation ist die erste, die einen nüchtern Blick auf dieses Thema wagen kann“, sagt die Jungle World-Autorin Tanja Dückers im Gespräch mit der „Zeit“ (30.4.2003). Diese Generation, so heißt es, habe im Gegensatz zu den 68ern, Distanz genug, um auch Deutsche als Opfer wahrzunehmen. Sie schenken den Alten endlich Gehör. Dückers: „Die Großeltern und die Enkel finden eine Art von innerem Gleichgewicht und können somit überleben.“

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Während die Linksalternativen und vor allem die Kulturlinken in Berlin sich dem Machtzentrum nahe fühlen und daher politisierter sind, findet Linkssein in Hamburg fast nur noch in unmaßgeblichen Lokalparlamenten, Kabaretts und Szene-Bars statt.

Auch wenn politisch nichts mehr läuft, reicht es allemal für einen Georg Kreisler-Abend oder eine Hartz-IV-Revue für Konkret-Leser. Ein altlinkes Publikum, das politisch schon lange in Rente ist, goutiert die Angebote des Kabaretts Polittbüro. Die jüngeren zieht es ins Theater oder in Clubs wie die Golem-Bar, wo alternative Talk-Runden ungefähr so ablaufen wie bei „Menschen bei Maischberger“ – egal was geboten wird, der Beifall kommt, als sei er vom Band abgespielt.

Die Modernisierung der deutschen Identität durch Pop, Theater und Literatur seit 1990 – finanziert meistens durch staatliche Zuschüsse – und die Herausbildung der deutschen „Erinnerungskultur“ (Anerkennung der deutschen Verbrechen als Ausgangspunkt für die Darstellung der Deutschen als Opfer) gehen Hand in Hand. Film, Pop, Theater , Museen und Literatur sind die Hauptmedien der staatlichen und halbstaatlichen deutschen Erinnerungskultur. Deshalb ist eine kulturlinke Szene-Bar wie das Golem genau der passende Ort für eine „ungewöhnliche Annäherung“ an das Thema „Kriegsenkel“ und die Frage „Wozu Krieg?“.

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Hinweis:

gegen diese Seite hat eine natürliche Person, der die Kritik an dem Familien-Therapeuten Heer nicht passt, bei Google einen „Antrag auf Entfernen von Suchergebnissen“ gestellt. Mit einem spezialisierten Anwalt ist das kein Problem. Diese Kriegsenkel-Seite wurde am 5.11. daher von der Suchmaschine nicht mehr erfasst. Dem Interesse an dem Thema hat das kurzfristig geschadet (*). Es gibt aber Lösungen für solche Probleme (wie man sieht).

* 582 Zugriffe weniger als am Vortag.

(Während der ersten Wehrmachtsausstellung ging Heer gegen KONKRET vor. In der Dokumentation einer Diskussionsrunde steht der Satz: „Johannes Heer hat die Verbreitung seiner Aussagen KONKRET nachträglich untersagt.“ Heute ist Heer bei KONKRET Haus-Historiker. Heer überzog damals auch rechte Kritiker mit Unterlassungsklagen. DAFÜR hat er sich später gleich mehrfach entschuldigt).

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An den Grund der Auseinandersetzung erinnert auch diese Generationen-Veranstaltung:

Seminar der Nordkirche
in der Reihe „Dialog zur deutschen Einheit“. Gegenwart und Zukunft der Vergangenheit
. Haus der Kirche Güstrow, 25./26.4. 2014
Mit:
Hannes Heer, Leiter der ersten Wehrmachtsausstellung und
• Jörn Motthes, Pastor und ehemaliger Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern.

Jede Generation hat ihren besonderen Blick auf die Vergangenheit. Zugleich prägen neben der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation auch die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen, unter denen die Menschen aufgewachsen sind, ihr Bild von Geschichte und Gegenwart. Es macht einen Unterschied, ob wir in der alten BRD, in der DDR oder im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen sind. Dabei leben wir mit den erzählten ebenso wie mit den verschwiegenen Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern. Der Terror des Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, der Kalte Krieg und die SED-Diktatur wie auch die friedliche Revolution von 1989 sind einschneidende Erfahrungen, die ihren Widerhall im Familiengedächtnis, in der zivilgesellschaftlichen Erinnerungskultur und in der staatlichen Gedenkpolitik gefunden haben. Auf dieser Tagung werden wir nach den öffentlichen und den privaten Narrativen fragen. Unterschiedliche Generationen werden dabei zum tragen kommen.

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Kontakt: dbd (at) riseup.net
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