Hannes Heer – mit Bundeswehr, Kirche und KONKRET

Hannes Heer
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Christianisierung der „Vergangenheitsbewältigung“

Die deutsche „Erinnerungskultur“ hält Schritt mit dem Staat für den sie gemacht wird. Das war schon damals so, als parallel zur deutschen Aggression gegen Jugoslawien die Verbrechen der Wehrmacht historisiert wurden. Heute arbeiten Bundeswehr und KZ-Gedenkstätten zusammen, werden Gedenkstättenmitarbeiter aus Neuengamme Referenten an der Bundeswehrhochschule, berät Reemtsmas HIS die Bundeswehr und diskutiert ein Bundeswehroffizier mit KONKRET-Autoren auf einer von der Kirche finanzierten Erinnerungskulturveranstaltung:

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10. Oktober 2015
Kampnagel, Halle k1, Jarrestraße 20, 22303 Hamburg
70 Jahre Kriegsende. 20 Jahre Wehrmachtsausstellung
Das Ende der Legende von der „sauberen Wehrmacht“ und die neuen Legenden
Anmeldung: Evangelische Akademie der Nordkirche,
Kostenbeitrag 15 Euro

20 Jahre nach der Eröffnung der „Wehrmachtsausstellung“ wollen wir erinnern und fragen: Was waren die Ziele der Ausstellung und wie waren die Reaktionen? Welche gesellschaftlichen Kräfte haben ihren Rückzug erzwungen? Was hat sich durch die Ausstellung verändert im Umgang mit der deutschen Schuld in den besetzten Ländern Europas? Hat die Wissenschaft die Impulse der Ausstellung aufgegriffen? Welche neuen Legenden produzieren heute Film und Fernsehen?

Referenten

• Hannes Heer, KONKRET-Autor.
• Erich Später, Böll-Stiftung, KONKRET-Autor.
• Dietrich Kuhlbrodt, KONKRET-Autor.
Pastor Ulrich Hentschel, Nordkirche.
Bundeswehroffizier Matthias Rogg, Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, Universität der Bundeswehr Hamburg.
• Detlef Garbe, Gedenkstätte Neuengamme (trommelt für die Zusammenarbeit von Gedenkstätten und Bundeswehr).
• Habbo Knoch, Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten, Prof. Uni Köln („Patriotismus hat an Präsenz gewonnen, ohne dass sich ein Neonationalismus ausbreiten konnte“).
• Christoph Rass, Auftragsforschung zum Bundesnachrichtendienst.
• Wolfgang Wippermann und Gabriele Heinecke

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Die Zeitschrift KONKRET hat diese von der Nordkirche finanzierte Veranstaltung als eigene angekündigt und die Beteiligung von Bundeswehr, Kirche, Garbe etc. einfach unterschlagen:

konkret-Debatte: Wessen Schuld?
Am 10. Oktober findet in Hamburg auf Kampnagel eine Tagung zum Thema „70 Jahre Kriegsende – 20 Jahre Wehrmachtsausstellung: Das Ende der Legende von der »sauberen Wehrmacht« und die neuen Legenden“ statt. Auf den Podien werden u.a. Hannes Heer, Erich Später, Dietrich Kuhlbrodt, Wolfgang Wippermann und Gabriele Heinecke diskutieren.

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Zweck der Veranstaltung

ist die Einordnung der beiden Wehrmachtsausstellungen in die Erfolgsstory der „Erinnerungskultur“ der Berliner Republik. Vom Happy End her erzählt, ist das Ergebnis schon klar: Das Pro & Contra damals war die kollektive Katharsis, die – genau zu dem Zeitpunkt als die Alten den Jungen das um die DDR vergrößerte „Deutschland“ sowie das Erbe übergaben – den Frieden zwischen Tätergeneration und den 68ern, 78ern etc. ermöglichte.

Die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ war ein intergenerationelles Rollenspiel, in dem eine gemeinsame Binnensicht inszeniert und die Nachkommen zum Teil der Geschichte der Alten wurden. Nachdem die Jungen Deutschland nicht mehr in Frage stellten (Ende des Linksradikalismus), weil sie es selbst gestalten wollten, wurden ihnen Vernichtungskrieg und Holocaust zum Tauschmittel zwischen den Generationen. Die „Bewältigung“ wurde zum Gründungsmythos des neuen Deutschlands.

Hannes Heer, hatte damals von der Möglichkeit des „Friedens zwischen den Generationen“ gesprochen, der „uns“, „dem deutschen Volk“ in einem kathartischen Prozess durch Konfrontation mit der Wahrheit zukommen könnte.

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Die Wehrmachtsausstellung im Bundestag

Auf Antrag von Bündnis 90/Die Grünen diskutierte am 13. März 1997 der Bundestag über eine Stellungnahme zu der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Von „einer epochemachende Sitzung“ sprach Hannes Heer anschließend in der FR. Im Parlament habe man quer zu den konträren Positionen „eine gemeinsame Ebene gefunden.“ Auch das Alternativmilieu schwärmte:

Bei der Rede von Otto Schily schlug die Stimmung um. Die Abgeordneten hörten einander zu. Alle nahmen mit eigenen Schicksalen und Familiengeschichten einander zur Kenntnis. Dann kämpfte Schily mit Tränen.“(TAZ). Theo Waigel erzählt von seiner Kindheit. Christa Nickels sprach über ihren „Papi“: „Es ist furchtbar, zu was man diese Männer in diesem verbrecherischen Krieg gemacht hat“.

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Bomben auf Dresden und Belgrad

Nicht erst seit der zweiten, sondern schon bei der ersten Ausstellung sprach man lieber über deutsche Opfer. Erhard Eppler eröffnet am 1. September 1995 die Ausstellung mit dem Satz: „Der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung bleibt auch dann ein Verbrechen, wenn damit die Bomben auf London vergolten wurden.“

Hannes Heer selbst hatte schon im März 1995 der Hannoverschen Allgemeine dieselbe Ansicht kundgetan: „Auch die Bombardierung Dresdens ist für Heer selbstverständlich ein Kriegsverbrechen gewesen“ (Hannoversche Allgemeine, 23.3.95).

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Vier Jahre später, im März 1999 nutzte die Kölner Bürgermeisterin die Ausstellung als Forum für den deutschen Kriegseinsatz in Jugoslawien und Hannes Heer fügte hinzu: „Ich bin ein Befürworter der Intervention gewesen. Ich habe das auch geäußert im Rahmen der Öffnung der Ausstellung“.

Hannes Heer dachte damals schon an den Gewinn für die außenpolitische Selbstdarstellung: „So, wie die Auseinandersetzung mit dem Holocaust uns auch im Ausland Respekt verschafft hat, werden wir uns auch in diesem Punkt die Anerkennung unserer Nachbarn verdienen.“

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Einfühlung in die Täter

Neues Deutschland, 27. Januar 2008
Frage: Thomas Mann schrieb vom »Bruder Hitler«, Heinar Kipphardt von »Bruder Eichmann«. Meine Frage zielte auf den eigenen Anteil, den jeder Mensch auch in jedem Großverbrecher entdecken kann, ja sogar muss. Hannes Heer: Ja, man entdeckt da schnell eigene Anteile, und seien sie – zum Glück – nur tief im Verborgenen und nur im ehrlichen Selbstgespräch zugänglich. In jedem Menschen stecken ambivalente Potenziale, deren mögliche Ausschläge zum Guten oder Bösen von vielen subjektiven und objektiven Faktoren abhängig sind. Alles ist eine Mischung aus Fügung und Charakter, von Situationen und eigenem Wesen.

Genau so argumentieren Sönke Neitzel und Harald Welzer in ihrem geschichtsrevisionistischen Buch „Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“: Die deutsche Gewalt im Vernichtungskrieg war „situativ“ bedingt; „ambivalente Potentiale“ werden in jedem Krieg mobilisiert.

Die gemeinsame Binnensicht zwischen den Alten und den Nachkommen vollzog sich auf diese Weise durch Einfühlung in die Täter.

Heer: „Nur wenn wir der Frage „Vater, wo warst du?“ die andere hinzufügen: „Wo hätte ich damals gestanden? Wie hätte ich reagiert?“, können wir diesen Krieg in unserem Volk (sic!) endlich beenden.“

Und weiter: „Ich habe diesen Menschen (Ex-Wehrmachtssoldaten in der Ausstellung) gesagt und sage es auch heute: Laßt es zu, es ist der einzige Weg, wieder zu Euch zu kommen, den blockierten Schmerz zu lösen, das Geschehen zu akzeptieren und den Krieg zu beenden. Wir, Eure Söhne und Töchter, eure Enkel werden euch – anders als 1968 – nicht selbstgerecht verurteilen und moralisch verdammen. Wir werden den Schmerz mit Euch teilen, im Wissen, daß keiner von uns sagen kann, er hätte in eurer Situation anders, anständiger gehandelt. Die Ausstellung ist die Chance dazu, diesen Prozeß des Dialogs und der Versöhnung einzuleiten. Viele ehemalige Soldaten haben es in den Gästebüchern und in Briefen getan. Viele ihrer Kinder haben es voll Mitgefühl aufgenommen.“ (5/99)

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Hannes Heer war ganz vernarrt in diese Idee, sie war sein Hauptantrieb: „Nur wenn wir Jüngeren uns in Demut und Geduld mit den Alten verbünden (!), können wir den Prozeß, der mit der Ausstellung für sie in Gang gekommen ist, zum Abschluß bringen.“ (Aachen am 17.4.1998).

Der Gestus „Wie hätte ich gehandelt?“ steht psychoanalytisch gesehen für die Gegenübertragung. Sie kommt aber erst mit dem Erbe und dem Machtantritt zur Geltung. Der Vergleich der eigenen Biographie mit jener der Eltern wird dann erst sinnvoll und materialreich. Die Jüngeren, die das Reden und Schweigen der Alten so reinterpretieren, daß die Tabuzonen nicht wirklich verletzt werden, geben ihrem Identifikationsbedürfnis nach, indem sie rhetorisch nach den möglichen eigenen Täteranteilen fragen: So einigte man sich hinter dem Rücken der Opfer.

Für mich hat es eine Ära gegeben, in der es zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist, in die unsere Väter verwickelt waren. Und gleichzeitig hat es in diesem Rahmen des NS-Regimes Vorgänge gegeben, die nicht zu akzeptieren sind“.

Das sagte nicht Heer, sondern Jörg Haider. Bei Heer klingt es so:

Mein Vater blieb Parteimitglied bis zum Ende des Krieges. Aber man kann diese Menschen nicht nur als Mitwisser von Verbrechen bezeichnen, man muß gleichermaßen zur Kenntnis nehmen, daß sie selbst viel Leid, Todesängste, Verwundungen, Kameradentod und Gefangenschaft erlebt haben.“

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Musealisierung

Heer war mit seinem Katharsis-Tick (*) einigen zu fanatisch, zumal Deutschland nach dem ersten militärischen Auslandseinsatz schon weiter gekommen war. Die FAZ, die heute jeder Besprechung von Büchern über die Verbrechen der Wehrmacht den Satz hinzufügt: „Das wusste man doch immer schon“, bremste die erste Ausstellung mit antikommunistischen „Enthüllungen“ aus. Reemtsma, dem es um seine Anerkennung ging, machte eine zweite Ausstellung ohne Katharsis.

Diese zweite Wehrmachtsausstellung ging dann den Weg konsequenter Musealisierung. Trotzdem bilden beide Ausstellungen eine Einheit: „Es stimmt natürlich, …dass man daran – es gibt zwei Ausstellungen zum selben Thema, mit derselben These, aber einer völlig anderen Darstellungsweise – viel ablesen kann“. (Reemtsma, ZEIT 22.1.04)

(*) Heers Versöhnungsdrang („niemand nahm diesen Männern die Beichte ab“) nimmt bis heute krasse Formen an. 2010 erschien unter dem Titel „Wir waren keine Menschen mehr“ der „Zeitzeugenbericht“ des ehemaligen Wehrmachtssoldaten Luis Raffeiner. Es handelt sich um eine Mischung aus Landsergeschichten, eigenartigen Rechtfertigungen (wir standen unter Alkohol) und Geständnissen (wie alle hat auch Raffeiner die Judenmorde nur aus großer Entfernung „gesehen“). Heer ist ganz begeistert von dem Mann, hat das Nachwort zu dem Buch geschrieben und ließ sich mit dem „Zeitzeugen“ fotografieren. Die Inszenierung war derart aufdringlich, dass es einem Rezensenten auf dem sonst eher moderaten Blog literaturkritik.de zuviel wurde. Unter der Überschrift: „Kein Mensch mehr – aber anständig geblieben“ heißt es , Raffeiners Bemühen, die eigene Anständigkeit herauszukehren, wirke auf den Leser wenig überzeugend. Heer aber verliere sich in Spekulationen und mache Raffeiners dubiose Äußerungen „zu einem Zeugnis an Eides statt“, gerade so als sei der Nachweis der Judendeportationen aus dem Ghetto Minsk von einem Mann wie Raffeiner abhängig.

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Manufaktur für Vergangenheits-Entsorgung

Hannes Heer beklagte einige Jahre lang den „Verrat“ von Reemtsma, obwohl dieser mit seiner Anbiederung an die Alten öffentlich nie so weit ging wie Heer selbst.

Heute denkt er wie sein ehemaliger Chef: „FRAGE: Welche Auswirkungen hat das jahrelange Schweigen über die Nazi-Zeit auf unsere Gesellschaft – möglicherweise bis heute – gehabt? HEER: Früher war ich in dieser Frage sehr selbstgewiss und hatte ein klares Urteil, heute weiß ich nicht, ob es zur Politik der Nachkriegszeit – keine öffentlichen Debatten über die Nazi-Vergangenheit, Integration vieler Nazis, um die Westbindung der Bundesrepublik zu beschleunigen – wirklich eine Alternative gegeben hat.“ (Hessisch-Niedersächsisch Allgemeine, 26.01.2009).

Das ist allgemeiner Konsens seit langer Zeit: Die „Integration“ von Nazis durch andere Nazis in die postfaschistische BRD war nicht immer schön anzusehen, aber alternativlos. Nachdem die Alten weitgehend abgetreten waren, konnte „die Moral wieder zum Maßstab der Geschichte, der kollektiven wie der individuellen, gemacht wurde“ (Heer im Hamburger Abendblatt am 6.10.2015) . Die Schuld konnte „erkannt und auch angenommen“ werden.

Und sogleich mit den „Verbrechen der anderen“ seit 1918 verrechnet werden: „Die Nazis hatten ein Gefühl für die Nöte der Menschen. Versailles zum Beispiel – eindeutig war das kein Friedensvertrag, sondern eine Art Kriegs-Friedensvertrag, diktiert vor allem von französischen Interessen.“ (Heer im Neuen Deutschland, 27. Januar 2008).

So steht es auch in KONKRET 8/15 (der Vertrag von Versailles als „Verwüstung“ Deutschlands) und so abgeklärt hört sich das Publikum im Golem, im Polittbüro und anderswo gerne Hannes Heers Märchenstunde über „die großen deutschen Geschichtsdebatten von 1968 bis heute“ an. Es ist alles schon historisiert und schön eingefügt in die Erfolgsgeschichte von der Gutwerdung der Deutschen. Selbst ein guter Film wie „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist heute FAZ-kompatibel, weil er 50 Jahre zu spät kommt und daher auf das Konto „Helles Deutschland“ einzahlt.

Heer betreibt heute mit einigen Leuten eine Art kommerziellen ambulanten Vergangenheitsprobleme-Entsorgungs-Verein, der seine Dienste Firmen und Institutionen anbietet. Überdies ist er Dauergast von evangelischen Akademien, Kirchen und Kirchentagen, wo die „deutsche Erinnerunsgkultur“ christlich konnotiert (Schuld, Beichte, Verzeihung), kontrolliert, finanziert und an die jeweiligen politischen Erfordernisse angepasst wird:

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Glaube aktuell , 3. Oktober 2015
Wechsel in der Studienleitung für Erinnerungskultur in der Evangelischen Akademie der Nordkirche: Pastor Ulrich Hentschel (siehe die Referentenliste oben!) wird von Landesbischof Gerhard Ulrich und Propst Karl-Heinrich Melzer verabschiedet, Nachfolger ist Dr. Stephan Linck. Am 3. Oktober 2015 wird Pastor Hentschel in einem Gottes­dienst in den Ruhestand verabschiedet. Anlässlich der Verabschiedung findet am Sonntag, 4. Oktober ein Symposium statt. Unter den Beiträgern sind Weggefährten wie Hannes Heer und der Theologieprofessor Fulbert Steffensky. Christianskirche Ottensen.

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⊗ ⊗ Nordkirche gedenkt Bonhoeffer, 9. April 2015
Die Veranstaltungen beginnen mit einer musikalischen Andacht. Bischof Hans-Jürgen Abromeit erinnert an das Leben und Werk Bonhoeffers. Im Hamburger Kirchen- und Diakoniezentrum „Dorothee Sölle Haus“ werden der Historiker Hannes Heer und der Theologe Ralf Wüstenberg erwartet. (Hinweis: Bonhoeffer war ein antisemitischer Gegner der Weimarer Republik und Hitler-Anhänger. Er war dann enttäuscht, dass die Nazis keinen Gottesstaat wollten).

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⊗ ⊗ ⊗ St. Nikolai-Kirche
Gemeindebrief 1/2013
Mittwoch, 22. Mai 2013, 20 Uhr
Nikolai-Saal – Harvestehuder Weg 118
Erinnerungskultur: Gesprächs- und Diskussionsabend mit Hannes Heer und Hauptpastor u. Propst Claussen, Hauptkirche St. Nikolai. Eintritt frei, Kollekte erbeten.

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⊗ ⊗ ⊗ ⊗ Kirchentag Hamburg,
Mittwoch, 1. Mai 2013
Die Nazizeit als Problem annehmen:
Der Eimsbütteler Turnverband hat das getan.

Moderation: Hannes Heer, Historiker, Hamburg. Gestaltung: Peter C. Schmidt, Hamburg (Geschäftspartner von Heer)

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■ Wie Heer zum Eimsbütteler Turnverband (ETV) kam, ist eine spezielle Geschichte, die im Detail an anderer Stelle erzählt werden muss. Im Mai 2014 berichtete die Anzeigenpostille „Elbe Wochenblatt“ folgendes:

125 Jahre: Gala im ETV-Sportzentrum mit 400 Gästen
Flinke Turner, flotte Fechter, heiße Tänzer: Im Sportzentrum an der Bundesstraße feierte Eimsbüttels größter Sportverein sein 125. Jubiläum. 400 geladene Gäste, Talk mit dem Bürgermeister, ein Lied von Bernd Begemann und ARD-Lady Gabi Bauer als Moderatorin. Die flotten Auftritte wurden umrahmt von Gesprächen über Herkunft, Gegenwart und Zukunft des Vereins. Bemerkenswert: Die Vergangenheit des ETV in der Nazizeit hatte einen zentralen Platz in der Gala. Der Historiker Hannes Heer berichtete über die Ergebnisse seines Forscherteams, das der ETV beauftragt hatte.

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■ Hier nur so viel:

Die „Ergebnisse seines Forscherteams“ gab und gibt es seit 2006 im Internet. Veröffentlicht von einer Initiative, die den ETV gezwungen hatte, eine nach einem Nazi (Robert Finn) benannte Halle umzubenennen. Doch der reaktionäre Großverein wollte es nicht auf sich sitzen lassen, dass er von außen unter Druck gekommen war. Außerdem wollte er eine Darstellung in der – abgesehen von zwei längst verstorbenen Funktionären – keine Täter aus dem Verein namentlich erwähnt werden. Nicht zuletzt sollte die völkische und nazistische Vergangenheit des ETV von der Nachkriegszeit und heutigen Gegenwart abgetrennt werden. Anders als bei der erwähnten Initiative sollte das „Vergangenheitsthema“ historisiert und abgeschlossen werden.

Der ETV engagierte nacheinander mehrere „eigene Historiker“. Sie sollten die Enthüllungen der Initiative als Laien-Werk delegitimieren. Beim ersten Versuch ging das schief. Dann buchte der reiche Großverein das Komplettangebot der Truppe von Hannes Heer (Text, Erinnerungssteine, Tafeln, Pressearbeit, Auftritt bei der 125-Jahre-Feier). Sie sollten, was allgemein schon lange bekannt war und seit 2006 auf einer Homepage einsehbar war (darüber berichtete 2006 auch die Hamburger Morgenpost) nochmal als ETV-eigene Leistung darstellen, aber so, dass alles am 8. Mai 1945 endet und außer zwei oder drei führenden ETV-Funktionären, die schon 50 Jahre tot sind, niemand beschuldigt wird. Außerdem ging es darum, dass der ETV einen Wehrmachts-Gedenkstein und vier völkische Runen (darunter zwei Hakenkreuze) trotz vieler Proteste auf keinen Fall entfernen wollte.

Dank Heers „Forscherteam“ endet die völkische ETV-Geschichte jetzt am 8.Mai 1945. Außerdem ist das Nazi-Zeug immer noch am ETV-Zentrum zu sehen, jetzt aber versehen mit „Erklärungstafeln“. (s. „Schönere Hakenkreuze durch Vergangenheitsbewältigung“):

(Die Hakenkreuze und andere Runen sind bis heute dort angebracht – gegenüber der Hamburger Synagoge. Den Wehrmachts-Gedenkstein hat der ETV 2015 entfernt, weil er einer Baumaßnahme im Weg stand. Heer hatte diesen Stein damals für den ETV durch Anbringung eines „Erklärungssteines“ direkt neben dem Wehrmachts-Stein gegen alle Proteste „gerettet“, weil das Herz vieler ETV-Mitglieder an dem Wehrmacht-Stein hing, auf den sich sogar der Name der Vereinskneipe bezog. Heer erklärte das Nazi-Zeug einfach zum Mahnmal. Sein „Erklärungsstein“ nebendran, der damals als „Kunstwerk“ gut bezahlt wurde, steht jetzt ohne Referenz da und wird deshalb wohl auch bald verschwinden).

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Christianisierung

Mit Heers Präsentation des ETV auf dem Kirchentag wurde die unfreiwillige „Gutwerdung“ des ETV als eine Art christliche Läuterung dargestellt. Der ETV-Geschäftsführer griff zur offenen Lüge und behauptete, der Verein sei ganz allein auf seine nun zu beichtenden „Sünden“ gekommen, die Heer & Friends endlich aufgeschrieben hätten.

Diese Christianisierung einer jahrelangen Auseinandersetzung war besonders perfide, weil der ETV mit einem evangelikalen Klinikkonzern verbündet ist. Die Initiative, die 2006 die Nazi-Vergangenheit sowohl des ETV als auch der Evangelikalen aufdeckte, sollte aus dem politischen Feld gedrängt werden. Insgesamt eine düstere Geschichte lokaler „Erinnerungskultur“, die noch auf eine Gesamtdarstellung wartet.

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EXKURS zur Evangelischen Akademie der Nordkirche

Die Zusammenarbeit mit klerikalen Institutionen ist längst auch für deutsche Linksalternative und Kulturlinke eine Selbstverständlichkeit. Die letzten Versuche, laizistische Minimalstandards in Deutschland durchzusetzen, scheiterten 1918 mit der Novemberrevolution. Heute ist die politische Klasse der BRD zu fast 100% christlich organisiert. Eine Art Pastoralherrschaft hat sich etabliert mit einer Pastorentochter und einem Pastor an der Spitze. Merkel sagte kürzlich zum Flüchtlingsthema: „Ich halte es mal mit Kardinal Marx, der gesagt hat, der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt’“. Linken ist das nicht einmal aufgefallen.

Hannes Heer macht ständig Veranstaltungen „in Kooperation mit dem Arbeitsbereich Erinnerungskultur der Evangelischen Akademie der Nordkirche“. Die Leute vom Golem-Club (und dort das KONKRET-Milieu das sich „Die Untüchtigen“ nennt), die Leute vom Polittbüro (Steindamm, Hamburg), die Rosa-Luxemburg-Stiftung der Linkspartei, die Gedenkstätten-Beamten von Neuengamme und viele andere haben damit absolut kein Problem.

Ihr selbstverständliches Zusammenwirken mit den staatstragenden Klerikalen führt zu einer hermetischen Schließung, einer Form von Totalitarismus durch den jede grundsätzliche Kritik an den Machtverhältnissen marginalisiert wird. Dass ausgerechnet die Nordkirche, die eng mit dem Hamburger Staatsapparat und den politischen Parteien verbunden ist, einen „Arbeitsbereich Erinnerungskultur“ betreibt, der Veranstaltungen zu „erinnerungspolitischen“ Themen finanziert, macht niemand skeptisch.

Vorgänger der Evangelischen Akademie der Nordkirche war die Evangelische Akademie der Hamburgischen Landeskirche. Sie war nach 1945 sehr lange Zeit ein Zentrum alter Nazis. Über diese Zeit gibt es kaum öffentlich zugängliches Material. Bei Wikipedia kommt die Evangelische Akademie der Hamburgischen Landeskirche überhaupt nicht vor: Man hat sie mit dem Eintrag „Evangelische Akademie der Nordkirche“ einfach verschwinden lassen. Reste der gesäuberten und 1991 nach Kiel verlagerten Archiv- und Bibliotheksbestände (darunter Bernhard Bornikoel: Geburtenregelung und Eugenik – Stellungnahmen zu sexual-ethischen Gegenwartsfragen“, Agentur des Rauhen Hauses 1959) tauchen gelegentlich bei Ebay und ZVAB auf.

Fast jeder Pastor im Norden war zwischen 1933 und 1945 NSDAP-Mitglied, aber gerade die Nordkirche hat ihre antisemitische Vergangenheit fast komplett in der Versenkung verschwinden lassen. Absolut nichts legitimiert diese Institution einen „Arbeitsbereich Erinnerungskultur„zu betreiben. Man kann es aber auch so sehen: Der Einfluß der Klerikalen, die ihre Nazi-Geschichte faktisch verschweigen, sagt schon alles über Zweck & Inhalt dieser „Erinnrungskultur“.

→ Siehe dazu u.a. das weblog Eimsbüttel war kein Nazi.
→ Zu Gedenkstätten und Bundeswehr, siehe u.a. hier.

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Die Zukunft der deutschen Vergangenheit

Staat und Alternativ-Milieu erinnern sich gemeinsam

• Hannes Heer – Hamburg Tourismus GmbH
www.hamburg-tourism.de/erleben/events/hannes-heer/
Ein Abend im polittbüro mit Hannes Heer

Spielplan – das polittbüro
Wahrheit und Lüge im deutschen Geschichtsfilm
Gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung.
Hannes Heer – Mo., 26.10. 2015, 20.00 Uhr, Eintritt: 15,-
Hannes Heer – Mi., 11.11.2015, 20.00 Uhr, Eintritt: 15,-

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Kulturzentrum Zinnschmelze in Barmbek
und Geschichtswerkstätten Hamburg:
Tagung Gedenken neu denken!
Gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung.
7. November 2015

Teilnehmer:
• Pastor Ulrich Hentschel, Nordkirche (siehe Referentenliste oben)
• Magnus Koch (Mit-Macher der 2. Wehrmachtsaustellung, Kurator im Deutschen Panzermuseum)
• Hans Matthaei, Willi-Bredel-Gesellschaft (Antifa als Heimatkunde)
• Rita Bake, Hamburger Landeszentrale für politische Bildung
• Brigitta Huhnke („Erinnerungskultur im internationalen Vergleich“).
• Dr. Nele Fahnenbruck, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
• Dietrich Wersich, CDU MdHB (proklerikaler Rechtspopulist)
• Detlef Garbe, Neuengamme (siehe oben)
• Linkspartei (mehrere Funktionäre)

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Kontakt: dbd (at) riseup.net

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