Patriotisch gegen Dunkeldeutschland

Patrioten
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Erst Griechenland-Bashing und Dunkeldeutschland, dann (gleichzeitig) das helle Willkommens-Deutschland gegen Rassisten in Ungarn, Polen, England etc., dann die schwarzrotgoldene Siegesfeier: 25 Jahre Superdeutschland aus DDR und BRD!

Was wäre dieses Deutschland ohne die Zustimmung der Leute?

Viel Zustimmung zu „Deutschland“ gibt es seit 1990 nicht nur bei der konformistischen Mehrheit, sondern auch von linker, kulturlinker, poplinker, linksradikaler, antinationaler, antirassistischer Seite.

Die Entscheidungen sind überwiegend schon 1990 gefallen.

Ganz eindeutig sagte damals die PDS: “ Ja zur Deutschen Einheit“ (denn „WIR sind EIN Volk“). Kurz darauf auch: „Ja zu Groß-Berlin als neue Hauptstadt und zum Reichstag als Sitz des Bundestages.“

Dann kamen die Hausbesetzter und der Party-Underground aus dem Westen ins angeblich leere Ostberlin, um dem Behörden- und Regierungspersonal aus Bonn kulturell den Weg zu ebnen.

Nach und nach kamen all die anderen. Die Hauptstadtzeitungsmacher, die Kölner Kunstszene, die Hamburger Schule etc.

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Doch das sind nur die vordergründigen Eckdaten:

Tief im Herzen wurde Superdeutschland als „Berliner Republik“ auch für viele Kritiker (und Warner vor dem Vierten Reich) ziemlich rasch zu IHREM Land. Ein großer Teil der Kritik an Eliten und Mob war immer patriotisch motiviert: Man wollte endlich stolz sein auf dieses Land.

Dieses neupatriotische Motiv verrät sich meistens am politikberaterischen Unterton „radikaler Kritik“. Man findet diesen Ton auch bei antinational oder irgendwie auch antideutsch orientierten Milieus.

Die Grundsatzentscheidung FÜR Superdeutschland wurde nicht immer an die große Glocke gehängt. Sie ist vor allem eine tägliche Praxis.

Das patriotische Motiv hinter der herrschaftskritischen, antirassistischen, antinationalen und antipatriotischen Rhetorik wird (als Variante der Lichterketten und des Aufstandes der Anständigen) soeben pünktlich zum 25. Jahrestag im Kontext der „Willkommenskultur“ kenntlich.

Die BILD-Ausgabe zum 3.Oktober 2015 schwärmt von der „Generation Einheit“, die cool hinter diesem Land steht. Abgrenzung von Nazis, Deutschlandfahnen, Merkel, Willkommenskultur , Asylverschärfung, Griechen-Bashing, Anti-Neoliberalismus … alles passt irgendwie zusammen, wenn es den gemeinsamen Fluchtpunkt „Helles Deutschland“ gibt.

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Ein wenig von dieser Melange wenigstens sporadisch festzuhalten (und zu kontextualisieren) ist ein Akt der Selbstverteidigung.

Spätestens während der Fußball-WM 2006 konnte man verstehen, was Victor Klemperer meinte, als er schrieb: „Beobachte, studiere, präge dir ein, was geschieht – morgen sieht es schon anders aus, morgen fühlst Du es schon anders; halte fest, wie es eben jetzt sich kundgibt und wirkt.“

Als Millionen 2006 erstmals mit Schwarzrotgold durch die Städte zogen, waren an den ersten Tagen sogar noch einige Normalbürger schockiert. Noch für um 1980 geborene Jugendliche waren Deutschlandfahnenträger eindeutig Rechte oder Nazis. Schon bald wurde, was 2006 noch ein Tabubruch war, von fast allen als normal empfunden.

So funktioniert das deutsche Spiel bei jeder neuen Runde. Jeder Tabubruch schafft neue Normalitäten und von dieser neuen Diskursebene aus können dann wieder neue deutsche Selbstverständlichkeiten durchgesetzt werden.

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nationalismus

April 2013

Berlin:
Tausende Kulturnationalisten demonstrieren gegen Mauerabriss

„Niemand hat die Absicht, Luxuswohnungen zu errichten“: Mit Plakaten und Parolen haben rund 6000 Kulturnationalisten gegen den Abriss von Mauerteilen der „East Side Gallery“ in Berlin-Friedrichshain demonstriert. Im Frühjahr 1990 wurde dieses Teilstück von 118 antikommunistischen „Mauer-Künstlern“ aus 21 Ländern auf einer Länge von einem Kilometer mit Frontstadt- und Freiheits-Propaganda bemalt. Antikommunistisch indoktrinierte Touristen treffen sich seither hier zum Fotoshooting.

Der Teilabriss des „weltweit bekannten Denkmals“ wurde durch den Protest der popkulturellen Nachwuchs-Nationalisten gestoppt. „Künstler und Bürgerinitiativen“ sammelten 7000 Unterschriften und gehen davon aus, dass sie in Berlin problemlos 50 000 Nationalbesoffene finden werden, die das knalldeutsche Anliegen unterstützen werden. Nach den massiven Protesten hat der dem nationalen Kulturmilieu verpflichtete Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, erklärt, der Abriss sei nicht notwendig.

„Forderungen“:

→ „Keine Luxuswohnungen auf dem ehemaligen Todesstreifen! Gegen den Mauerabriss und Gentrifizierung“.
Bürgerinitiative Mediaspree Versenken

→ „Nur ein zusammenhängendes Mauerstück verdeutlicht authentisch, wie brutal der Todesstreifen Berlin einst zerschnitten hat“.
Kai Wegner, Generalsekretär der Berliner CDU

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Kontakt: dbd (at) riseup.net