Hannes Heer und die Kriegsenkel in der Golem-Bar

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Inter-Generational Viewing


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Opa und Oma im Vernichtungskrieg „aus der Perspektive junger Menschen“. Zur geschichtsrevisionistischen ZDF-Produktion „Unsere Mütter, unsere Väter“ (14 Mio. Euro. 7 Mio. Zuschauer) gab es in den Medien Gebrauchsanweisungen zum Dialog zwischen der „Kriegsteilnehmergeneration“ und ihren Kindern und Enkeln. In der FAZ trommelte Frank Schirrmacher, der schon mit Dietmar Dath die „Pop-Jugend“ an Bord geholt hatte, für den „Dialog der Generationen“: „Trommeln Sie am Sonntag die Familie zusammen und sehen Sie fern. Wo immer möglich sollten Eltern den Dreiteiler zusammen mit ihren Kindern ansehen. Und auch zusammen mit den Kindern der Kinder.“ (FAZ 15.3.2013 und 18.3.2013). In der neuen deutschen „Trauma-Forschung“ werden die Nachkommen der Tätergeneration als „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ bezeichnet. Die „Traumatisierung“ der Alten, so heißt es, habe auch sie traumatisiert. Eine Interpretation, die mittlerweile auch Konsens in popkulturellen Milieus ist.

Dieses Zusammenspiel wird hier am Beispiel einer Veranstaltung in der Hamburger Bar „Golem“ im November 2015 dargestellt.

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Krauts with attitude

Die Hamburger Bar GOLEM ist ein authentischer Ort der Kulturlinken. Hier wird geboten, was das Milieu bewegt:

• Der ehemalige Gitarrist einer Band, die (laut Konkret und Jungle World) linke Musik macht, ist jetzt Opern- und Theatermusiker und stellt seinen neuen Roman vor, der Korridorwelten heißt. • Ein stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton der Berliner Zeitung, spricht über Tocotronic, die Lieblingsband des FAZ-Feuilletons. • Ein Mann, der DJ-Workshops in Ramallah leitete, dann als Moderator beim WDR tätig war und für Spex, Groove und Taz schreibt, ist inzwischen künstlerischer Leiter des Master-Studiengangs Popmusik an der Universität der Künste Bochum. Er spricht darüber, dass Platten auflegen immer noch ein wesentlicher Teil seines Lebens ist. • Unter dem Motto Talkin’ bout a Revolution diskutiert ein FAZ-Redakteur mit einem Ökosozialisten, der einst im Bundestag saß und jetzt Kabarett macht, über „Klassenkampf im Dunkeln“. • An einem anderen Tag stellt der Freund des ökologischen Sozialismus wiederum zusammen mit einem Musiker und Theatermacher , der beim letzten Gaza-Krieg einen Aufruf gegen Israel initiierte, einen verstorbenen Autor vor, der laut Ankündigung ein Urvater der linken Boheme war. • Eine Frau, die als freie Autorin für Medien wie Konkret und Spex schreibt und an Unis zu den Themen Gender, Popkultur und Modetheorie unterrichtet, spricht über Stripperinnen als Inspirationsquelle und die Transsexualität von Musicals. • Ein Dozent für Musikkultur, Medien und Kommunikation hat vor sechs Jahren ein Buch über den Kapitalistischen Realismus geschrieben. Jetzt stellt er, finanziert von der HEW, sein neustes Werk vor. • Ein Autor, der seit Jahren zu Jugendkulturen im 20. Jahrhundert forscht und dazu schon Bücher veröffentlicht hat, spricht über die popkulturelle Bedeutung der Independent-Bewegung der frühen 80er. • Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Zentrum für Ethik an der Universität Tübingen referiert über seinen Verdacht, dass Pessimismus eine semantische Mode ist, welche einigen Theoriekulturen gewisse Vorteile verschafft. • Ein Reporter, der seit 30 Jahren eine Festanstellung bei der Wochenzeitung Die Zeit hat, gehört zum pathologischen Typus des Plattensammlers. Im Golem gewährt er Einblick in seine Sammlung. • Eine Chemie-Professorin, die auch Krimis schreibt und ein FAZ-Redakteur bieten einen wilden Ritt durch die Ideen des sozialen Fortschritts, loten den Spielraum des Möglichen im Gegebenen aus, decken verborgene Potentiale des Wirklichen auf und überwinden Denkschemata. • Ein Architekt, ein Künstler und eine Kunsttheoretikerin – alle drei aus Berlin/BRD – wollen einen Diskurs stärken, der realistische Kunstpraxis im Kapitalismus als Werkzeug für den Kampf um die künstlerische Produktion sieht. • Eine Filmproduzentin dekonstruiert am Beispiel einer alleinerziehenden Mutter, die ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit verdient, das viel zu oft romantisch verklärte Arbeitsfeld der Prostitution. • Vier nicht mehr ganz junge Popschreiber sprechen über Selbstausbeutung, Etatkürzungen und immateriellen Kapitalismus, also über die Krise des Musik- Journalismus in der digitalen Moderne. • Ein Spiegel-Online-Journalist, ein Aktivist im Recht-auf-Stadt-Netzwerk und zwei Konkret-Publizisten beobachten mit anhaltendem Erstaunen, dass der Hamburger Senat auf soziale Widersprüche mit Gewalt antwortet. • Eine Kabarettistin, zwei Satiriker und der Herausgeber von Konkret (bekannt u.a. aus dem Deutschlandfunk) reden über das Verhältnis zwischen Satire und linkem Denken: ist Hitler komisch? • Ein Autor, der schon wichtige Beiträge zum Zeitgeschehen formuliert hat, findet, dass alle Gesellschaftsfelder bis hin zur Subkultur von dem kapitalistischen Kosten-Nutzen-Kalkül okkupiert sind und möchte das Publikum auf emanzipatorische Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise hinweisen. • Ein Plattenhändler, Redakteur und Werbetexter, der in Handelsblatt, Titanic und Kicker schreibt, liest aus seinen „Briefen gegen den Mainstream“.

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Das ist also die Golem-Bar,
deren Kulturprogramm u.a. von den Marketing-Gruppe „Die Untüchtigen“ bestückt wird, die 2010 im NS-Flakbunker-Club „übel & gefährlich“ anfing und laut Hamburger Morgenpost aus Nonkonformisten, Müßiggängern, Umstürzlern und Exzentrikern aus dem Konkret-Umfeld besteht („Anarcho-Entertainer Rocko Schamoni, Punk-Ikone Schorsch Kamerun, Prekär-Musiker Frank Spilker und „Grünen“-Mitgründer Thomas Ebermann“).

Dieses Umfeld ist offenbar auch der richtige Ort für eine Veranstaltung am 3. November 2015 unter der Fragestellung: „Warum Krieg? Wie werden Menschen immer wieder für Kriege motiviert?.“

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In der Ankündigung heißt es:

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG), Reihe Outreach:
Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Hamburg

„Warum Krieg?“
Eine ungewöhnliche Annäherung im Golem am 03.11.2015. Eine Veranstaltung mit Hannes Heer, Gabriele Amelung (Vorstand DPG-Hamburg) und Torsten Maul.

Am 03. November gründet sich der Psychoanalytische Salon Hamburg, bei dem Psychoanalytiker, geladene Gäste und auch das Publikum zu aktuellen Themen der Zeit in ein förderliches Gespräch kommen wollen. Der erste Salon wird sich mit dem auch in Europa wieder sehr aktuellen Thema „Krieg“ befassen und der Frage nachgehen, wie Menschen immer wieder für Kriege zu motivieren sind. Die Psychoanalytiker Gabriele Amelung und Torsten Maul haben für diese Veranstaltung den Historiker Hannes Heer zu Gast, der die erste Wehrmachtsausstellung konzipierte. Der Rahmen ist mit der Golem-Bar so gewählt, dass nicht nur Fachpublikum angesprochen ist, sondern auch die interessierte Allgemeinheit. Für weitere Fragen/Erläuterungen wenden Sie sich bitte an Torsten Maul 0151-14979608 torsten.maul@t-online.de

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Vom „Krieg“ zu den „Kriegskindern“ von heute

Auf den ersten Blick ist der Sinn dieser Veranstaltung eher unverständlich. Es sind ja merkwürdige Fragen. Warum Krieg? Warum lassen sich Menschen immer wieder – von wem ? – zum Krieg überreden? Als Albert Einstein und Sigmund Freud vor mehr als 80 Jahren über Kriegsgründe diskutierten (der Buchtitel „Warum Krieg?“ unter dem der Briefwechsel später erschien, stammt vom Verlag) war zwar die Machtergreifung der Nazis abzusehen, aber nicht die Führung eines Vernichtungskrieges, der alles was man bis dahin über Kriege dachte, obsolet machte. Heute kann man so nur fragen, wenn man „den Menschen“ eine „natürliche pazifistische Haltung“ unterstellt, wenn man manipulative Mächte im Hintergrund vermutet und vor allem, wenn man zwischen Krieg um politische und ökonomische Vorherrschaft, Vernichtungskrieg, Anti-Hitler-Krieg, Krieg der Kurden gegen den IS etc. partout nicht unterscheiden will.

Aber schon damals wusste Sigmund Freud: „Man kann nicht alle Arten von Krieg in gleichem Maß verdammen; solange es Reiche und Nationen gibt, die zur rücksichtslosen Vernichtung anderer bereit sind, müssen diese anderen zum Krieg gerüstet sein.“ (Sigmund Freud an Albert Einstein, September 1932, Diogenes-Verlag 1972 ). „Es war Krieg“ war und ist doch gerade in Deutschland der rhetorische Trick, um so zu tun, als sei der deutsche Vernichtungskrieg ein Krieg wie jeder andere gewesen und die europäischen Juden eine reguläre Kriegspartei. Und von den Nazis „überredet“ worden wollten später auch alle sein.

Worum es hier gehen soll, wird erst klar, wenn man weiß, dass die Veranstaltung „Warum Krieg?“ Teil des DPG-Projekts „Transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg“ ist, das von Mercedes Dohrn-van Rossum geleitet wird. Über dieses Projekt heißt es auf der DPG-Homepage:

Die AG transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg hat sich 2011 gebildet. Die Gruppe ist interdisziplinär zusammengesetzt und untersucht Phänomene transgenerationaler Weitergabe im kulturellen Raum auf der Basis psychoanalytischer Erkenntnisse. Kontakt: Dipl. Psych. Gabriele Amelung , Psychoanalytikerin (DPG), g.amelung@online.de, Hannes Heer, Historiker, exhibit@hannesheer.de
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Das AG-Thema „Transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg“ bildet den Rahmen für ein anderes von Dohrn-van Rossum geleitetes Projekt, das schon länger existiert und über das das Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie mit anderen Instanzen der Hamburger Erinnerungskultur vernetzt ist. Es heißt:

„Kriegskinder auf der Flucht.
Zur transgenerationalen Weitergabe“.

Mit anderen Worten: Die Veranstaltung „Warum Krieg?“ der AG „Transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg“ ist der Einstieg in das Hauptthema dieses Psycho-Projekts über die Geheimnisse der „transgenerationalen Weitergabe“: die angeblich traumatisierten „Kriegskinder“ und deren ebenfalls tramatisierten Kinder, die „Kriegsenkel“.
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In der Projektankündigung heißt es:

Das Forschungsprojekt „Kriegskinder auf der Flucht. Zur transgenerationalen Weitergabe“ ist eine psychohistorische Studie, die mögliche Auswirkungen von Flucht und Vertreibung während des Zweiten Weltkrieges auf die nachfolgenden Generation untersucht. Sie hat das Ziel, die transgenerationalen Prozesse der Traumaverarbeitung aus der Kriegs- und NS Zeit zu ergründen. Es geht um die Frage, wie Kinder traumatische Erfahrungen im Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung verarbeitet haben, zum Beispiel den Verlust der Heimat … Studienleiter: Mercedes Dohrn-van Rossum, Psychoanalytikerin; Hans–Joachim Heist, Psychoanalytiker; Ulrich Stuhr, UKE Hamburg; Karl Christian Führer, Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg.

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Psychohistorie

Das Stichwort „psychohistorische Studie“ benennt den theoretischen Bezugsrahmen des Gesamtprojekts „transgenerationale Weitergabe nach Holocaust und Krieg“.

Psychohistorie entstand vor rund 50 Jahren in den USA (Lloyd de Mause, Peter Gay u.a.) und wurde Ende der 1990er Jahre in Deutschland für eigene Zwecke adaptiert. Psychohistorie sieht im Unbewussten nicht EINE, sondern DIE treibende Kraft der Geschichte. Und weil das Unbewusste in der Kindheit geformt wird, ist Kindheit der Schlüssel zur Geschichte. Zum Beispiel Adolf Hitlers Kindheit, George Bushs Kindheit, Angela Merkels Kindheit, letztlich unser aller Kindheit.
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Die Ableitung geht so: • Kindheit und Erziehung bilden die Grundlagen für die handelnden Individuen. • Traumatisierungen, die unvermeidlich in der frühen Kindheit entstehen, bereiten den Boden für die „Verführung der Massen“ durch das Charisma der politischen Führer. • Das gelingt, weil in jedem Menschen auch ein kleiner Hitler steckt. • Was daraus wird hängt von situativen Fügungen ab. • Der „Nazi in uns“ ist der schwer fassbare Feind, der in jedem lauert. • Wer daher die Tätergeneration anklagt, sollte sich zuerst fragen, ob er unter den damaligen Umständen anders gehandelt hätte.

Diese Figur, die verschiedenen psychoanalytischen Klischees folgt (die „Lust am Verbotenen“, das „Böse in sich selbst“ etc.) wird also dazu benutzt, Verständnis für die Täter zu produzieren, deren Taten man gleichzeitig ablehnt und verstehbar macht.

Das Trauma der Tätergeneration, die heute „Erlebnisgeneration“ oder „Zeitzeugengeneration“ genannt wird, besteht also aus der Urtraumatisierung der Kindheit und aus der Kriegstraumatisierung. Diese Traumata geben sie an ihre Kinder und Enkel weiter, also auch an das Golem-Publikum, das demnach aus traumatisierten Kriegsenkeln und Kriegsurenkeln besteht. Diese „sekundär Traumatisierten“ imaginieren nun, was ihre Großeltern „erlebt“ haben.

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Das „Trauma“ der Tätergeneration
ist eine Erfindung ihrer Erben.

Mit dem Märchen von den sekundär traumatisierten deutschen Kriegskindern und Kriegsenkeln beanspruchen diese den Raum des Traumas in Konkurrenz mit dem Erinnern der wirklichen Opfer. Die 68er erklärten die Tätergeneration nach 1990 zu Opfern und die Enkel (Generation Golf etc.) wollen sich mit den Großeltern theatralisch versöhnen, obwohl sie nie ein Problem mit ihnen hatten.

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Golem-Bar
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„Viele der Kriegsenkel sind jetzt schon oder werden bald Entscheidungsträger sein.“ (Bernd Hüttner, Referent der Linkspartei für Geschichtspolitik). BILD: Sekundär traumatisierte Kriegsenkel ziehen in den Krieg, aus dem sie primär traumatisiert zurückkehren werden. Danach gibt es wieder neue sekundär traumatisierte Kriegskinder und Kriegsenkel.

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Deutsche entdecken das Trauma
in der Holocaust-Literatur – für sich!

In den letzten Jahrzehnten ist – vor allem in Israel, Polen und den USA – eine umfangreiche Literatur über Oral History und Trauma-Forschung entstanden. Es geht darin vor allem um die Reflexion der Erinnerungen der Überlebenden, um traumatische Langzeitfolgen sowie deren mögliche Übertragung auf Kinder und Enkel.

Diese Forschung hat seit Ende 1990er Jahre deutsche Begehrlichkeiten geweckt.

Zu erkennen sind vier eindeutige Trends:

→ Oral History hat sich in Deutschland zu einer Art Landser- und Trümmerfrauen-Wissenschaft entwickelt. Dabei mutierten die »Täter und Zuschauer« (Hilberg) als „Zeitzeugen“ zu Opfern der Umstände, die den wirklichen Zeitzeugen – den Überlebenden des Holocaust – auf obszöne Weise zur Seite gestellt werden.

→ „narrativ“ orientierten deutschen Psychologen und Therapeuten gelten die Täter und Zuschauer von damals darüber hinaus als von Krieg und Gewalt schwer traumatisierte Menschen, also erst recht als Opfer.

→ Bei den Kindern und Enkeln der ehemaligen Volksgenossen wird, in eindeutiger Parallelisierung zu den Nachkommen der Deportierten, ebenfalls eine „transgenerationale Weitergabe historischer Traumatisierungen“ entdeckt.

→ Der Trauma-Diskurs dient inzwischen der Optimierung der Kriegspsychiatrie. Die posttraumatischen Belastungsstörungen („Kampf-Trauma“) von Bundeswehrsoldaten nach Auslandseinsätzen waren schon ein Dauerthema in den Begleitprogrammen der ersten Wehrmachtsausstellung. Heute beraten sogar KZ-Gedenkstätten die Bundeswehr und begründen das mit ihrer „Trauma-Kompetenz“.

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Die deutsche Trauma-Begeisterung beruht auf folgenden Essentials:

→ Negative Anthropologie und Bekenntnis zur Faszination. Unter der dünnen Decke der Zivilisation lauert, in Schach gehalten nur von instabilen Normen oder dem staatlichen Gewaltmonopol, die vorzivilisierte Gewalt. Die Psychohistorie spricht vom „Hitler in uns allen“. Die Frage ist daher: „Wie hätte ich damals gehandelt?“

→ Abgrenzung von der angeblichen Einfühlungsverweigerung der Achtundsechziger in die Tätergeneration: „Wir wollen nicht zu Gericht sitzen“ und keine „unzumutbaren Schmerzen hervorrufen“.

→ Verlagerung des Interesses von den Verfolgten zu den Verfolgern, aber nicht im Sinn der Täterforschung von Christopher Browning oder Daniel Goldhagen, sondern anteilnehmend.

→ Abgrenzung gegen die „Täter/Opfer-Dichotomie“: „Wir brauchen eine Geschichtssicht ohne Verharmlosung, zugleich aber auch eine Betrachtung jenseits der Opfer-Täter-Kategorisierung.“

→ Emanzipation von Gewissensinstanzen (jeder weiß wer gemeint ist) und nationale Befreiung: „Deutschland muss zu einem Land werden, in dem angstfrei über das Vergangene gesprochen werden kann“.

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Deutsche waren nicht traumatisiert

Die deutschen Taten sind kein Fall, auf den die Methoden von Traumaforschung und Oral History angewendet werden können.

Schon in den 1960er Jahren zeigte eine Untersuchung von Alexander und Margarete Mitscherlich, dass bei der Tätergeneration eine psychische Traumatisierung NICHT klinisch verifiziert werden kann:

„Erstaunlicherweise kam es keineswegs zu einer massiven Vermehrung von Versagenszuständen, die bis zur klinisch faßbaren Krankheit geführt hätten. Aus den Aufzeichnungen über rund 4.000 Patienten geht hervor, daß sich nur extrem wenige Anhaltspunkte für den Zusammenhang ihrer gegenwärtigen Symptome mit Erlebnissen der Nazizeit fanden.“

Das Problem ist gerade, dass der militärischen Niederlage 1945 NICHT der psychische Kollaps folgte:

„Wahrscheinlich hätte nur die psychische Verelendung einen anderen Weg gangbar gemacht. Traurig waren sie wohl. Aber renitent und reuelos.“
(Peter Roos).

Wieso konnte die Tätergeneration ohne jedes Anzeichen eines Traumas in die zivile Gesellschaft zurückkehren? Der Grund ist kein Geheimnis: Sie haben sich damals nicht als Täter empfunden. Sie hatten materielle Vorteile aus der Verfolgung und der faschistischen Expansion gezogen und sich dabei als Herren gefühlt. Diese Erfahrungen waren alles andere als traumatisch. Sie waren in ihrem Reizschutz kaum verletzbar, weil sie sich bei den Gewalttaten, in denen sie sich verwirklichten, als pflichttreue Staatsbürger sehen konnten. Der Landser an der Front und der SS-Mann im KZ konnten ihr Handeln vor sich und ihrer sozialen Umgebung rechtfertigen.

Schon Freud wusste, dass der Konflikt zwischen „Friedens-Ich“ und „Soldaten-Ich“ entfällt, wenn die ganze Gesellschaft das Treiben an und hinter der Front billigt.

Nach dem 8. Mai 1945 profitierte die Tätergeneration von den enormen Vorteilen der Derealisierung, weil die NS-Schuldgemeinschaft nun zu einer Verleugnungsgemeinschaft mutierte, wo einer den anderen deckte (Persilscheine) und förderte – bis heute. Zudem wurde kaum jemand juristisch verfolgt. Die kollektive „Verdrängung“ bot allen Schutz. Für die spezifischen „Belastungen“ und Psychosen der Tätergeneration waren das sanatoriumsähnliche Bedingungen.

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Angriff auf die Erinnerung der NS-Opfer

Alle diese Erzählungen über deutsche Traumen sind Repräsentationen des Vergessens.

Sie besagen, dass die schmerzliche Vergangenheit der Überlebenden des Holocaust und des Vernichtungskrieges nicht das zentrale Trauma ist, für das es von anderen gehalten wird. Der deutsche Trauma-Begriff nivelliert die Unterschiede der Leidenssituationen und übergeht die konkreten leiblichen Aspekte einer Traumatisierung, indem er die seelische Verletzung von der besonderen Tortur trennt. Während die NS-Opfer über Monate und Jahre von Hunger, Sklavenarbeit und Folter gepeinigt waren und dabei (!) das Bewusstsein vom nahen Ende in Gestalt der bereits Ermordeten und der allmächtigen Peiniger vor Augen zu hatten, waren Landser und SS-Schergen auch bei Niederlagen noch bewaffnete Herren der Situation.

Deutsche „Trauma-Experten“ nivellieren den Unterschied zwischen Landsern und KZ-Häftlingen ganz bewusst. „Auf extreme Belastungen – an der Front, auf der Flucht, im KZ – reagieren Erwachsene durch psychische Zentralisation.“ Der Besteller-Autor Wolfgang Schmidtbauer, verschweigt nicht, wie er zu seinem Thema kam: „Die stete Präsenz des Traumas in der Arbeit mit jüdischen Analysanden hat meine Aufmerksamkeit für die traumatischen Prozesse in den Familien der Kriegsheimkehrer geweckt und geschärft.“ Auch die HIS-Mitarbeiterin Ulrike Jureit (ideologische Chefin der zweiten Wehrmachtsaustellung) möchte „ähnliche Muster“ zwischen „Zeitzeugen“-Berichten zum Hamburger „Feuersturm“ und Interviews mit Überlebenden des Holocaust erkennen.

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Autoren wie Primo Levi haben solche Vergleich zurück gewiesen:

„Ebenso wie unser Hunger nicht mit der Empfindung dessen zu vergleichen ist, der eine Mahlzeit ausgelassen hat, verlangt auch unsere Art zu frieren nach einem eigenen Namen.

Auch Jean Améry hat sich gegen Vergleiche verwahrt:

„Unmöglich kann ich den Parallelismus akzeptieren, der meinen Weg nebenher laufen ließe mit dem der Kerls, die mich mit dem Ochsenziemer züchtigten.“

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Vor 1990 gab es keine traumatisierten Deutschen

Der deutsche Trauma-Boom beginnt 1989/1990. Fast alle der heute bekannten Autoren haben das Thema nach eigenen Angaben „erst seit der Wende 1989“ entdeckt. Erst nach dem Verschwinden der Roten Armee und mit der neuen deutschen Souveränität konnten aus besiegten Tätern redefreudige „Zeitzeugen“ werden. Sie konnten jetzt aus der Gewinnerperspektive zurückschauen. Und es waren ihre Erben – die Kinder und Enkel – die ihnen jetzt wohlwollend das Mikrophon hinhielten und sie statt Täter nun „Zeitzeugen“ nannten. Dabei waren diese Leute nie in einer Situation, in der sie etwas bezeugen mussten, was die Mehrheit leugnet. Und was sie heute zu wissen behaupten, haben sie damals so nicht erlebt, weil ihnen ein Unrechtsbewußtsein fehlte.

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Kriegsenkel

„Wir, Eure Söhne und Töchter, eure Enkel werden euch – anders als 1968 – nicht selbstgerecht verurteilen und moralisch verdammen. Wir werden den Schmerz mit Euch teilen, im Wissen, dass keiner von uns sagen kann, er hätte in eurer Situation anders, anständiger gehandelt.“
(Hannes Heer in: Neue Deutsche Literatur 5/99)
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Der Raum des Traumas wird heute vom Nachwuchs der Berliner Republik geradezu begehrt. Sie wollen die überwiegend straffrei gebliebenen eigenen Eltern bzw. Großeltern vorteilhaft in diesen Diskurs einfügen – als psychisch beschädigte Menschen, die an ihren Taten ebenso leiden wie an Flucht und Vertreibung.

Die deutschen Kinder und Enkel, die im Unterschied zu den Kinder der Überlebenden meistens nicht wissen, was genau ihre Vorfahren in der Zeit des Nationalsozialismus getrieben hatten und die – ebenfalls im Unterschied zu Kinder der Überlebenden – die Möglichkeit hatten, sich mit ihren Eltern/Großeltern NICHT auseinanderzusetzen, werden in die Nähe der Nachkommen der überlebenden Deportierten gerückt – als Opfer ihrer traumatisierten Eltern und Großeltern. Die stilistische Diktion ist deutlich an der Holocaust-Literatur orientiert: „Trotz Wirtschaftswunder dauerten die Wirkungen des Krieges an. Die verleugneten psychischen Verletzungen wirken fort bis hin zu den Kindern und Enkeln.“

Doch die These von der Traumatisierung der Täter ist ein „billiger Freudismus“ (Jean Améry) und beruht auf „therapielosen Diagnosen“ (Michel de Certeau).

Sie ist eine Rückprojektion der ERBEN, die sich ihnen als Therapeuten anbieten und mit ihnen – während sie Geld und Immobilien gerne nahmen – die Bedeutung der Ereignisse neu aushandeln wollen. Wohlwollend wird unterstellt, die Bevölkerungsmehrheit habe damals an einem getrübten Bewusstsein gelitten, habe sich selbst belogen, ihre „eigentlich“ gute Gesinnung unterdrückt und sei gedankenlos hinter den Nazis hergelaufen. Der Zusammenhang von Antisemitismus und »Endlösung« wird als zufällig dargestellt.

Es geht hier letztlich darum, die Selbstviktimisierung der Deutschen zur zentralen Nachkriegserzählung zu machen. Damit reihen sich die Nachkommen als „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ in die Gruppe der deutschen Bombenopfer, der Vertriebenen, der vergewaltigten Frauen und der Kriegsgefangenen ein, die ihre angebliche Unschuld stellvertretend für alle Deutschen vortrugen, um die kollektive Opfererzählung glaubwürdig und vor allem moralisch akzeptabel zu machen.

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Warum in der Golem-Bar?

Am Anfang standen die Versöhnungsangebote der 68er an die Tätergeneration – ziemlich genau zu dem Zeitpunkt als sie Machtpositionen im nun „wiedervereinigten“ Deutschland übernahmen. Dann kam die „Enkelgeneration“ an die Reihe. Sofern sie aus dem Westen kam, musste sie zunächst die Bonner Republik , in der sie sozialisiert wurde, hinter sich lassen. So entstanden die „Pop-Literatur“ der Berliner Republik und die „Enkelromane“.

Diese „Enkel“ bilden heute die Hauptstütze der „Erinnerungskultur“ der Berliner Republik: „Meine Generation ist die erste, die einen nüchtern Blick auf dieses Thema wagen kann“, sagt die Jungle World-Autorin Tanja Dückers im Gespräch mit der „Zeit“ (30.4.2003). Diese Generation, so heißt es, habe im Gegensatz zu den 68ern, Distanz genug, um auch Deutsche als Opfer wahrzunehmen. Sie schenken den Alten endlich Gehör. Dückers: „Die Großeltern und die Enkel finden eine Art von innerem Gleichgewicht und können somit überleben.“

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Während die Linksalternativen und vor allem die Kulturlinken in Berlin sich dem Machtzentrum nahe fühlen und daher politisierter sind, findet Linkssein in Hamburg fast nur noch in unmaßgeblichen Lokalparlamenten, Kabaretts und Szene-Bars statt.

Auch wenn politisch nichts mehr läuft, reicht es allemal für einen Georg Kreisler-Abend oder eine Hartz-IV-Revue für Konkret-Leser. Ein altlinkes Publikum, das politisch schon lange in Rente ist, goutiert die Angebote des Kabaretts Polittbüro. Die jüngeren zieht es ins Theater oder in Clubs wie die Golem-Bar, wo alternative Talk-Runden ungefähr so ablaufen wie bei „Menschen bei Maischberger“ – egal was geboten wird, der Beifall kommt, als sei er vom Band abgespielt.

Die Modernisierung der deutschen Identität durch Pop, Theater und Literatur seit 1990 – finanziert meistens durch staatliche Zuschüsse – und die Herausbildung der deutschen „Erinnerungskultur“ (Anerkennung der deutschen Verbrechen als Ausgangspunkt für die Darstellung der Deutschen als Opfer) gehen Hand in Hand. Film, Pop, Theater , Museen und Literatur sind die Hauptmedien der staatlichen und halbstaatlichen deutschen Erinnerungskultur. Deshalb ist eine kulturlinke Szene-Bar wie das Golem genau der passende Ort für eine „ungewöhnliche Annäherung“ an das Thema „Kriegsenkel“ und die Frage „Wozu Krieg?“.

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Hinweis:

gegen diese Seite hat eine natürliche Person, der die Kritik an dem Familien-Therapeuten Heer nicht passt, bei Google einen „Antrag auf Entfernen von Suchergebnissen“ gestellt. Mit einem spezialisierten Anwalt ist das kein Problem. Diese Kriegsenkel-Seite wurde am 5.11. daher von der Suchmaschine nicht mehr erfasst. Dem Interesse an dem Thema hat das kurzfristig geschadet (*). Es gibt aber Lösungen für solche Probleme (wie man sieht).

* 582 Zugriffe weniger als am Vortag.

(Während der ersten Wehrmachtsausstellung ging Heer gegen KONKRET vor. In der Dokumentation einer Diskussionsrunde steht der Satz: „Johannes Heer hat die Verbreitung seiner Aussagen KONKRET nachträglich untersagt.“ Heute ist Heer bei KONKRET Haus-Historiker. Heer überzog damals auch rechte Kritiker mit Unterlassungsklagen. DAFÜR hat er sich später gleich mehrfach entschuldigt).

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An den Grund der Auseinandersetzung erinnert auch diese Generationen-Veranstaltung:

Seminar der Nordkirche
in der Reihe „Dialog zur deutschen Einheit“. Gegenwart und Zukunft der Vergangenheit
. Haus der Kirche Güstrow, 25./26.4. 2014
Mit:
Hannes Heer, Leiter der ersten Wehrmachtsausstellung und
• Jörn Motthes, Pastor und ehemaliger Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern.

Jede Generation hat ihren besonderen Blick auf die Vergangenheit. Zugleich prägen neben der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation auch die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen, unter denen die Menschen aufgewachsen sind, ihr Bild von Geschichte und Gegenwart. Es macht einen Unterschied, ob wir in der alten BRD, in der DDR oder im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen sind. Dabei leben wir mit den erzählten ebenso wie mit den verschwiegenen Erfahrungen unserer Eltern und Großeltern. Der Terror des Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, der Kalte Krieg und die SED-Diktatur wie auch die friedliche Revolution von 1989 sind einschneidende Erfahrungen, die ihren Widerhall im Familiengedächtnis, in der zivilgesellschaftlichen Erinnerungskultur und in der staatlichen Gedenkpolitik gefunden haben. Auf dieser Tagung werden wir nach den öffentlichen und den privaten Narrativen fragen. Unterschiedliche Generationen werden dabei zum tragen kommen.

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Kontakt: dbd (at) riseup.net
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„Kriegsklotz“ Hamburg: Wie Antifas lernten, ein Nazi-Denkmal zu lieben

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Der Anspruch des Staates auf das Leben seiner Bürger

1936 errichteten die Nazis in Hamburgs Innenstadt ein besonders widerwärtiges „Kriegerdenkmal“. Auf einem massiven rechteckigen Block ist ein umlaufendes Relief angebracht, das marschierende Wehrmachtsoldaten mit Gewehren und Stahlhelmen in Lebensgröße darstellt. Darüber steht der Satz „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“.

Die Wahrheit und auch die anhaltende Aktualität dieses Imperativs wollten und wollen linksalternative Kritiker meistens nicht zur Kenntnis nehmen. Vor 1990 glaubten sie, der Satz stehe für ein überwundenes Denken. Seit das vergrößerte Deutschland wieder in den Krieg zieht, beruhigen sie sich mit dem Hinweis, dass es heute doch ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gibt.

Aber das ist nicht der Inhalt dieses Satzes. Sein Thema ist der Anspruch des Staates auf das Leben seiner Bürger. Die imaginäre Gemeinschaft „Nation“ bietet ihren Mitgliedern, sobald sie sich unterworfen haben, eine gewisse Verbindlichkeit und Stetigkeit, ein gewisses, als Mischung aus Konsens und Zwang verfertigtes Schutzversprechen. Doch der Staat, in den das Individuum hineingeboren wird und mit dem es sich daher wie „schicksalhaft“ verbunden fühlen möchte, bietet sein Schutzversprechen nicht umsonst:

Die Staatsbürger müssen auch den TOD wollen, wenn sie dazu gehören möchten. Diese Konsequenz ist den „wiedervereinigten“ Deutschen, die sich bisher so sicher waren, dass die Berliner Republik auch ohne persönliches Risiko zu haben ist, mit der Teilnahme der Bundeswehr an der Somalia-Mission 1993 erstmals wieder in Erinnerung gerufen wurden. Der Anspruch des Staates auf das Leben seiner Untertanen ist seither auch im neuen Deutschland wieder offen ausgesprochen.

Hegel hat das Prinzip in seiner „Rechtsphilosophie“ (§§ 321 ff „Die Souveränität gegen außen“) klar benannt: „Der Militärstand ist (!) der Stand der Allgemeinheit, der die Pflicht hat, die Idealität an sich selbst zur Existenz zu bringen. (…) Das Leben daran setzen hat darum keine Bestimmung und Wert für sich“.

Damit ist gesagt: Das uniformierte Individuum ist die Synthese von politischem Staat und unpolitischer Gesellschaft. Der Anspruch des Staates auf das Leben der Bürger (der als Sorge um ihr Leben auftritt) ist ein grundsätzlicher: Der Souverän offenbart seine Macht über das Leben nur durch den Tod, den zu verlangen er imstande ist.

Genau das ist mit dem Imperativ „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“ gemeint. Dieser Satz ist keine originäre Nazi-Ideologie, sondern ein Grundprinzip des bürgerlichen Staates, eine Wahrheit, über die im bürgerlichen Alltag nicht gerne gesprochen wird, die aber allen sofort gegenwärtig ist, wenn deutsche Politiker zum Beispiel wieder die „Ukraine-Krise“ verschärfen.

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Es spielt keine Rolle, dass dieser Imperativ heute als vielstimmiger Diskurs daher kommt und dass man ihn nicht mehr in Stein meißelt – die Namen toter Bundeswehrsoldaten werden heute am „Ehrenmal der Bundeswehr“ im Stil einer Videoinstallation an die Wand projiziert.

Die Wahrheit des Satzes „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“ ist nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus begrenzt, und sie ist heute aktueller denn je. Mit friedensbewegten Beschwörungen ist ihm nicht beizukommen. Die einzige zutreffende Entgegnung ist die seinerzeit von der Punk-Band Slime vorgenommene Umkehrung: „Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“ Aber das ist das allerletzte, was linksalternative Milieus heute wollen. Sie sehen sich als konstruktive Opposition IN der Berliner Republik, die sie längst als IHREN STAAT sehen.

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Kriegsklotz

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Alternative Argumente für den Erhalt eines Nazidenkmals

Bis in die 1980er Jahre gab es noch die Forderung „Der Kriegsklotz muss weg!“. Daran änderte zunächst auch Alfred Hrdlickas (politisch ohnehin fragwürdiges) „Gegen-Denkmal“ nichts, das damals von der Stadt Hamburg aus einem einzigen Grund in Auftrag gegeben wurde: Das Nazi-Denkmal sollte bleiben!

Im Zusammenhang mit dem ersten „Gegen-Mahnmal“ wurde erstmals versucht, die Forderung nach ABRISS und BESEITIGUNG des Nazi-Denkmals mit gedenkstättenpädagogischer Rhetorik abzuwehren: Ein Abriss sei keine richtige „Vergangenheitsbewältigung“, sondern letztlich nichts anderes als Verdrängung! Durch einen Abriss nehme man den Hamburgern die Möglichkeit einer kritischen Auseinandersetzung „mit diesem Monument der jüngsten deutschen Vergangenheit“. Ein Abriss habe zur Folge, dass man keine Lehren mehr für Gegenwart und Zukunft ziehen können. Das Nazi-Denkmal sei doch ein hervorragendes Anschauungsstück für eine längst überwundene „militaristische Ideologie“. (Bemerkenswert: Bei der Beseitigung realsozialistischer Bauten und Skulpturen nach 1990 zählte keines dieser Argumente).

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76er Denkmal
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Mit der Rückkehr deutscher Militärpolitik verschwindet die Opposition gegen das NS-Kriegerdenkmal

Mitte der 1990er Jahre, als die Wahrheit des Imperativs „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“ durch die neue deutsche Militärpolitik realpolitisch immer nachvollziehbarer wurde, verschwand die Forderung „Der Kriegsklotz muss weg“ sukzessive aus der Öffentlichkeit.

2008, genau sieben Jahre nach der Beteiligung der deutschen Luftwaffe am Angriffskrieg gegen Jugoslawien, wurde in Berlin mit dem „Ehrenmal der Bundeswehr“ ein neuer und noch größerer „Kriegsklotz“ (32 × 8 Meter, zehn Meter hoch) eingeweiht.

Dort ehrt man seither die bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefallenen Soldaten. 2014 wurde das Ehrenmal durch ein „Buch des Gedenkens“ für mittlerweile 3100 tote Soldaten erweitert.

Hier wird nichts anderes zelebriert, als das was auf dem Hamburger Kriegsklotz steht: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“

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„Braucht Deutschland wieder eine eigene Militärjustiz?“

Die Hrdlicka-Skulpturen waren nicht dazu geeignet, die Provokation zu relativieren, die dieser martialische Naziklotz (bundesweit der einzige dieser Art) nach wie vor darstellt. Zumal eine der Hrdlicka-Skulpturen auch noch mit dem Thema „Feuersturm“ die Überzeugung der Hamburger stärkt, sie seien nicht Täter, sondern Opfer gewesen.

Spätestens 2009 zeichnete sich ab, auf welche Weise Hamburg den „Kriegsklotz“ mitsamt der Inschrift trotzdem dauerhaft erhalten will – durch den Bau eines weiteren „Gegen-Denkmals“ NEBEN dem NS-Denkmal!

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Der Weg zu einem weiteren „Gegen-Denkmal“ begann mit einer Ausstellung. 2009 zeigten die Justizbehörde Hamburg, die Universität Hamburg und der Hamburgische Richterverein die Wanderausstellung „Was damals Recht war … Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ (zu der Wanderausstellung wird es einen eigenen Beitrag auf diesem Blog geben). Im Begleitprogramm finden sich erste Nutzanwendungen für die Gegenwartsprobleme einer nachrückenden Weltmacht – zum Beispiel ein Vortrag zum Thema: „Vom Kriegsvölkerrecht der Vergangenheit zum humanitären Völkerrecht der Gegenwart“. Das war am 4. August 2009. Es ging um Vergangenheitsbewältigung als deutschen Exportartikel (der Referent Jürgen Aßmann berät das Tribunal in Kambodscha) und um das heutige Kriegsvölkerrecht, das nicht mehr so heißt, sondern als „humanitäres Völkerrecht“ bezeichnet wird. Für deutsche Juristen ist das seit 1999 (Kosovo) und gerade heute (Ukraine) ein besonders wichtiges Kongressthema.

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Die Aktualität dieses Rahmenprogrammes zeigte sich genau 4 Wochen später: Am 4. September 2009 forderte die Bundeswehr bei Kundus in Afghanistan zwei US-amerikanische Kampfjets an, damit sie zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen bombardieren. Dabei kamen nicht nur die bewaffneten Islamisten (früher: „Rebellen“) um, sondern auch über 100 Zivilisten. Seither gehört dieser „Fall“ unter der Fragestellung „Braucht Deutschland wieder eine eigene Militärjustiz?“ zum Dauerthema der Rahmenprogramme der Wanderausstellung „Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“.

Was übrigens nicht zufällig so ist: Die Durchführung von Veranstaltungen zu „aktuellen Fragestellungen“ der Bundeswehr im Rahmen der Wanderausstellung wird zwischen den lokalen Trägern und der für die Ausstellung verantwortlichen staatlichen Stiftung vertraglich vereinbart. Gegen deutsche Militärmissionen und Polizei- und Geheimdiensteinsätze gerichtete Veranstaltungen sind im Rahmen der Wanderausstellung ausdrücklich nicht zulässig.

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Fahnenflucht damals und heute

Auch das Ausstellungsthema Desertion selbst hat heute durchaus aktuelle Bezüge. Fahnenflucht wird im neuen Deutschland mit 5 Jahren Gefängnis bestraft, es wird allerdings niemand dafür erschossen. Das ist sehr human im Vergleich zur Wehrmachtsjustiz, und eben darum geht es:

Von 1948 bis 2002, also 54 Jahre lang, hat man Wehrmachts-Deserteure als Vaterlandverräter behandelt. Jetzt, da der deutsche Staat erneut von seinen Bürgern die Bereitschaft zur Selbstopferung im Krieg verlangt und nicht ausgeschlossen werden kann, dass einige sich dann in brenzligen Situationen verweigern, benötigt die Todes- und Tötungsbereitschaft einen neuen moralischen und juristischen Rahmen. Diese Entwicklung erfordert einen neuen gesellschaftlichen Konsens, zu dem staatstragende Referate unverdächtiger Leute zum Thema „Vom Kriegsvölkerrecht der Vergangenheit zum humanitären Kriegsvölkerrecht der Gegenwart“ viel beitragen können – zumal im Rahmen einer Ausstellung über die NS-Kriegsjustiz.

Das Prinzip selbst – „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“ – ist auf diese Weise nicht mehr strittig. Und deshalb muss der „Kriegsklotz“ mit dieser Inschrift auch nicht verschwinden, sondern nur ergänzt werden durch ein „Gegen-Denkmal“ für die Wehrmachts-Deserteure.

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Das Nazi-Denkmal war kein Standort der Wehrmachtsjustiz. Dem Deserteur-Denkmal wird dort eine Alibi-Funktion zugewiesen.

2012 beschloss die Hamburger Bürgerschaft nicht nur die „Errichtung eines Denkmals für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz“ , sondern empfahl auch als dessen Standort das Areal neben dem „Kriegsklotz“.

Einen in der Sache selbst liegenden Grund für diese Standortentscheidung gibt es nicht. An dieser Stelle wurde niemals ein Wehrmachtsdeserteur erschossen, erhängt oder eingekerkert. Das NS-Kriegerdenkmal steht in keiner Weise in Verbindung mit dem Thema Wehrmachtsjustiz. Die Hamburger Wehrmachtjustiz war im Untersuchungsgefängnis Holstenglacis, beim Generalkommando an den Sophienterrassen und in verschiedenen Kasernen und Militärgerichtsgebäuden tätig, aber niemals am Dammtorbahnhof. Es wäre also mehr als naheliegend, das Deserteur-Denkmal neben einem dieser Tatorte zu errichten.

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Der Grund, warum man es trotzdem NEBEN das NS-Kriegerdenkmal am Dammtorbahnhof stellen will, wird nicht verschwiegen: „Trotz dem Gegendenkmal von Alfred Hrdlicka“ habe das Nazi-Denkmal dummerweise „nichts von seiner Problematik verloren“.

Da Hamburg aber auf ein Denkmal mit der für Staatsbürger so lehrreichen Inschrift „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“ einerseits nicht verzichten will, andererseits die heute wieder verlangte Todes- und Tötungsbereitschaft einen neuen moralischen und juristischen Rahmen benötigt, soll das Nazi-Denkmal erhalten und zugleich endlich erfolgreich neu kontextualisiert werden. Was mit Hrdlicka offenbar nicht gelang, soll nun das Deserteur-Denkmal richten: „Das 76er-Denkmal soll nach dem Willen der Stadt Hamburg als historisches Sachzeugnis erhalten werden. Es steht jedoch nicht unter Denkmalschutz.“ (Senat 2012).

Die Forderung nach Entfernung des Nazi-Denkmals war für die Hamburger Politik ein ständiger Stachel. Die willkürliche Einordnung des „Kriegsklotzes“ als „historisches Sachzeugnis“ konnte diese Auseinandersetzung auch nach Hrdlicka nicht beenden.

Jetzt aber kann sich die Staatsmacht auf die „Zivilgesellschaft“ berufen: „Bis heute wird die Existenz des Kriegsklotzes von vielen Bürgerinnen und Bürgern als Schande für die Stadt angesehen. Daher haben sich die meisten Gruppen und Personen, die ein Deserteurdenkmal fordern, für diesen Standort ausgesprochen“.

Der gesellschaftspolitische Wandel zeigt sich in der Unlogik dieses „DAHER“: (1) Der Kriegsklotz war/ist eine „Schande“ (Schande ist übrigens ein Naziwort). (2) DAHER muss er nicht etwa weg, sondern es soll nebenan ein Deserteur-Denkmal hin, dass eigentlich neben einem Tatort der Wehrmachtsjustiz errichtet werden müsste.

Die „meisten Gruppen und Personen, die ein Deserteurdenkmal fordern“, um mit ihm den Kriegsklotz zu retten, sind heute eingebunden in die staatlich und kirchlich gelenkte Erinnerungskultur, über die sie direkt oder indirekt finanziert werden, sofern sie nicht gleich halbstaatliche Einrichtungen sind.

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An diesen „meisten Gruppen und Personen“, die zusammen als „Zivilgesellschaft“ firmieren und als solche staatlich anerkannte Legitimationsinstanz sind, orientieren sich auch die letzten Mohikaner des 70er/80er Jahre-Antifaschismus und Antimilitarismus, die heute schon dankbar sind, wenn sie noch mitmachen dürfen.

Entsprechend plappern sie nach, was die „meisten Gruppen und Personen“ von ihnen verlangen:

„In den Debatten der letzten drei Jahre hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass nicht nur der Kriegsklotz erhalten bleiben, sondern auch die ihm innewohnende Ideologie erkennbar bleiben soll.“ („Bündnis für ein Hamburger Deserteursdenkmal“, Mai 2014).

Man merkt dem Satz an, dass er von Leuten kommt, die einst etwas anderes wollten, sich jetzt aber den neuen Dogmen gebeugt haben. Jetzt stellen sie den dauerhaften Erhalt des Nazi-Denkmals nicht mehr in Frage: „Diesem Monstrum etwas Überzeugendes entgegenzusetzen, ist aus der Sicht des Bündnisses Aufgabe der Künstler“ (ebd.). Ihnen leuchtet jetzt ein, was sie noch nicht überzeugte, als Hamburg mit Hrdlicka dem Nazi-Denkmal „etwas Überzeugendes entgegensetzen“ wollte.

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Damit ist klar:
Die alte Forderung „Der Kriegsklotz muss weg!“ ist nicht mehr gesellschaftsfähig.

Staat, Zivilgesellschaft und Alt-Antifas sind sich einig, dass das Nazi-Denkmal auf ewig dort stehen bleiben soll. Man argumentiert genauso wie die Springer-Presse in den 1970er Jahren („Das Denkmal ist Ausdruck einer bestimmten Zeit deutscher Geschichte“) und wie die staatlichen Museumspädagogen in den 1980er Jahren („Abriss ist keine Vergangenheitsbewältigung, sondern Verdrängung“).

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Was die Hrdlicka-Skulpturen nicht geschafft haben – die Akzeptanz des Nazi-Klotzes – soll jetzt das Deserteur-Denkmal richten. Dass dieses dort überhaupt nicht gegen die Wehrmachtsjustiz gerichtet ist, interessiert niemanden. Das Nazidenkmal und das Hrdlicka-Denkmal repräsentieren, so behauptet man frech, ein „Spannungsfeld zwischen Kriegsverherrlichung und Kriegszerstörung“. Und mittendrin hat jetzt das Deserteur-Denkmal die ihm staatlich verordnete AUFGABE eine dialogische Bezugnahme auf die beiden unverbunden nebeneinander stehenden Denk-Male“ herzustellen. (Senat 30.4.2013).

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Ein Deserteur-Denkmal, so könnte man denken, soll die Verbrechen der Wehrmachtsjustiz an den Deserteuren in Erinnerung rufen sowie die Legitimation dieser Verbrechen durch die BRD bis 2002. Aufgabe eines Deserteur-Denkmals ist es ganz sicher nicht, zwischen zwei anderen Denkmalen zu „vermitteln“, von denen eines ein Nazi-Denkmal ist. Doch Staat, Zivilgesellschaft und Alt-Antifas haben sich darauf geeinigt, dass die Wehrmachts-Deserteure dem Gemeinwesen einen letzten Dienst erweisen. Im „Spannungsfeld“ zwischen Nazis und Hrdlicka, sollen sie eine „ dialogische Bezugnahme“ stiften.

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Und noch deutlicher: Das Deserteur-Denkmal solle „NICHT (!) nur (!) an die Opfer der Wehrmachtsjustiz erinnern. Es soll auch im Widerstreit zwischen dem martialischen Kriegsklotz und dem unvollendeten Gegendenkmal vermitteln“ (Kultursenatorin Kisseler bei der Vorstellung des dritten Denkmals). Das Deserteur-Denkmal habe eine „Doppelfunktion“: (1) Gedenkort für Wehrmachtsdeserteure UND (2) Mittler zwischen Nazidenkmal und dem Hrdlicka-Denkmal.

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Begradigung der Heimatfront

Noch freimütiger formuliert der Gewinner des Wettbewerbs, der Bildhauer Volker Lang, diese Instrumentalisierungsabsicht: Das Deserteur-Denkmal solle „die WUNDEN HEILEN, die die jahrzehntelangen Debatten um die schon existierenden Mahnmale hinterlassen haben“. Und weiter: „Es hat schon etwas HEILENDES. Es gibt ja auch wieder das Bewusstsein einer Zivilgesellschaft, dass man in der Lage ist, diesem Thema sich öffentlich zu stellen.“

Was genau Lang mit „diesem Thema“ meint, bleibt offen, aber es ist klar was hier angedeutet werden soll: Die Zivilgesellschaft hat neue Wege der Annäherung an den Imperativ „Deutschland muss leben…“ gefunden.

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Es ist dies die offene Indienstnahme der Wehrmachtsdeserteure für die Begradigung der Heimatfront vor dem Hintergrund der weltweiten und nicht zuletzt militärischen „Verantwortung“ der europäischen Vormacht.

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Die vor 25 Jahren gegründete Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e. V. (viele Mitglieder sind inzwischen verstorben) und ihr Sprecher, der inzwischen 94jährige Ludwig Baumann, hatten auf dieses Hamburger Ergebnis keinen Einfluss. Oder anders gesagt: Der Vereinigung ging es in erster Linie um die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure. Für sie ist nach der gesetzlichen Rehabilitierung jeder weitere Gedenkort ein weiterer Erfolg in einem sehr langen und aufreibenden Kampf.

Daran, dass die Unterstützter dieses Kampfes sich in diesen 25 Jahren von altlinken Antifas und Antimilitaristen in staatstragende Zivilgesellschafter verwandelten, konnte die Bundesvereinigung, die in absehbarer Zeit ohnehin nur noch von ihrem „Wissenschaftlichen Beirat“ repräsentiert werden wird, nichts ändern.

Den Standort dieses Deserteur-Denkmals NEBEN dem Nazi-Denkmal und WEIT ABSEITS aller Standorte der Hamburger Wehrmachtsjustiz geht auf das Konto dieser Unterstützer, die eben nicht bereit waren, für ein Deserteur-Denkmal neben einem der Standorte der Hamburger Wehrmachtsjustiz einzutreten. Dagegen hatte die Bundesvereinigung keine Chance. Sie musste mitziehen, wenn sie die Unterstützung nicht verlieren wollte. Der dauerhafte Erhalt des Nazi-Denkmals war den anderen wichtiger und ALLEIN DAZU brauchten sie das Deserteur-Denkmal.

(Die subalterne Position der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz wurde zuletzt angesichts der Zusammensetzung des Preisgerichts deutlich, das über das Deserteur-Denkmal entschied. Die Vereinigung hatte eine Stimme neben Bürgerschaftsabgeordneten, Ex-Staatsministern, Oberbaudirektoren , Kammerpräsidenten, Stiftungsvorständen, Kirchenvertretern, Kunstprofessoren, Stadtentwicklern, Amtsleitern, Denkmalsschützern, städtischen Referenten, dem Zivilgesellschaftsbündnis und sogar dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge).

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So endet, während deutsche Kampfjets erstmals seit dem Vernichtungskrieg „das Baltikum in voller Bewaffnung überfliegen, um Russland auf Augenhöhe zu begegnen“, der 2002 erfolgreiche Kampf um die Rehabilitierung der Wehrmachts-Deserteure mit der Rehabilitierung und Aktualisierung des Imperativs „Deutschland (in den Grenzen von 1990) muss leben, und wenn wir sterben müssen“. Und speziell in Hamburg mit dem dauerhaften Erhalt eines Nazi-Denkmals.

Am Ende ihres Lebens werden die Wehrmachtsdeserteure anerkannt und zugleich – unter Mitwirkung einer etablierten „Zivilgesellschaft“ – instrumentalisiert für die Berliner Republik. Das hat in der Tat „schon etwas Heilendes“ – für Deutschland.

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PS: Der von diversen Sponsoren finanzierte „Bund für Denkmal-Erhaltung e.V.“ wird auch nach Fertigstellung des Deserteur-Denkmals das Nazi-Denkmal nebenan hegen & pflegen. Mit Beschädigungen ist nun aber nicht mehr zu rechnen.
(Manchmal wohl doch).

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Dammtor Denkmal

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CHRONIK

1946

Laut Anweisung des Alliierten Kontrollrats (Direktive Nr. 30 vom 13. Mai 1946) müssen Denkmäler, die zur „Verherrlichung kriegerischer Ereignisse“ dienen, „vollständig zerstört und beseitigt“ werden. Hamburg unterläuft die Direktive, indem es das Nazi-Denkmal am Dammtor zum „Gedenkstein zum Andenken an verstorbene Angehörige regulärer militärischer Einheiten“ erklärt. Die britische Besatzungsmacht erinnert die Hamburger Behörden mehrfach daran, dass das Nazi-Denkmal weg muss. Sie wollen das bewusst nicht selbst machen, sondern sehen wie die Deutschen sich verhalten. Die Vereinigung der Jugendorganisationen Hamburgs stellt an den Senat einen Antrag auf „Entfernung“. Erfolglos.

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1978-1981

Das Nazi-Denkmal wird regelmäßig beschädigt. Köpfe werden abgemeißelt und Parolen angebracht. Der sowjetische Schriftsteller Jurij Bondarew schildert in seinem 1978 auch auf Deutsch erschienenen Roman „Das Ufer“, wie das Nazi-Denkmal bei sowjetischen Hamburg-Besuchern schreckliche Erinnerungen an den Vernichtungskrieg weckt. Vor diesem Hintergrund fordern die Hamburger Jusos: „Das Nazi-Denkmal muss WEG!“. Es soll durch einen Mahnmal zu Ehren der Hamburger Widerstandskämpfer ERSETZT werden. Zugleich legt die Bundeswehr am „Volkstrauertag“ dort Kränze nieder.

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1981

Die Punk-Band Slime veröffentlicht die LP „Slime I“ mit dem Song „Deutschland muss sterben“. Die Textzeile: „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“ kehrt die Inschrift des Hamburger Kriegsklotzes um.

1981

Hamburger Abendblatt, 28. 9. 1981
Das Kriegerdenkmal am Dammtorbahnhof ist schon wieder beschmiert worden. Bisher unbekannte Täter sprühten in der Nacht zum Sonntag mit roter und schwarzer Farbe die Parole „Der Kriegsklotz muß weg!“ auf die Gedenktafel.

Alle Forderungen, den Kriegsklotz zu beseitigen, werden von Politik und Medien abgelehnt. Immer wieder versuchen Demonstranten, den Kriegsklotz zu beschädigen. Immer wieder wird er repariert. 1982 beschließt die Stadt Hamburg , nebenan ein „Gegen-Denkmal“ zu errichten, das dann nie fertig wird.

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1985

Sprengstoffanschlag der Revolutionären Zellen auf das Nazi-Denkmal. Die GAL fordert die „Abtragung des Albtraums“.

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1992

Der Imperativ „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“ wird unter neuen Vorzeichen wieder aktuell. Das wieder souverän gewordene und „vereinte“ Deutschland beschließt, die Bundeswehr auch außerhalb des NATO-Vertragsgebiets (out-of-area) einzusetzen.

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1992

Wehrmachtsrichter, die Dutzende oder Hunderte Todesurteile gefällt hatten und in der DDR dafür verurteilt wurden, werden mit dem ersten sogenannten SED-Unrechtsbereinigungsgesetz rehabilitiert.

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1999

Die Bundeswehr beteiligt sich an dem Angriffskrieg gegen Jugoslawien. Die Luftwaffe fliegt 500 Einsätze. Damit nehmen deutsche Soldaten zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder an einem Angriffskrieg teil.

Auf Fahnenflucht stehen in der BR Deutschland bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe. 1999 gab es Aufrufe zur Desertion, 2014 werden einige Fälle bekannt.

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2002

Nach 57 Jahren einigt sich der Bundestag – auf Druck der 1990 gegründeten Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e. V. – auf eine pauschale Rehabilitierung der Opfer (30.000 Todesurteile, davon 20.000 vollstreckt, weitere 100.000 zu KZ, Straflager oder Strafbataillone Verurteilte), nimmt jedoch Verurteilungen aufgrund des Straftatbestands „Kriegsverrat“ bis Ende 2009 davon aus und zahlt bis heute keine Entschädigungen. (In der DDR konnten Deserteure als „Verfolgte des Naziregimes“ anerkannt werden).

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2008

In Berlin wird das „Ehrenmal der Bundeswehr“ eingeweiht. Dort soll den bei Auslandseinsätzen der Bundesehr gefallenen Soldaten gedacht werden

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2009

Die Justizbehörde Hamburg, die Universität Hamburg und der Hamburgische Richterverein zeigen die Wanderausstellung „Was damals Recht war … Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“.

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2010

In der Hoffnung, bei der verstaatlichten und verkirchlichten Erinnerungskultur noch mitmachen zu dürfen (was zum Beispiel in Bremen nicht mehr möglich ist, wenn man mit der Bundeswehr nicht restlos einverstanden ist), gründen geläuterte Linksalternative das „Bündnis für ein Hamburger Deserteursdenkmal.“

Statt „Weg mit dem Nazi-Kriegsklotz!“ heißt es jetzt: „Kein Platz ist für ein Deserteursdenkmal geeigneter als am 76er Kriegerdenkmal am Stephansplatz.“ Eine bewusste Lüge: Kein Platz ist für ein Deserteursdenkmal geeigneter als die Standorte der Hamburger Wehrmachtsjustiz: Das Untersuchungsgefängnis Holstenglacis, das Generalkommando an den Sophienterrassen und diverse Kasernen und Militärgerichtsgebäude. Das „76er Kriegerdenkmal“ (vorher nannte man es „Kriegsklotz“ oder „Nazi-Denkmal) hat mit der Wehrmachtsjustiz absolut nichts zu tun.

Zu den Nachzüglern der Hamburger Zivilgesellschaft gehören u.a.:

AG Neuengamme, AG Antirassismus bei Ver.di, Auschwitz-Komitee, Comm e.V. („Wir wollen eine Welt, in der alle Menschen gleiche Rechte haben“), Chor Hamburger GewerkschafterInnen, Deutsche Friedensgesellschaft/Kriegsdienstgegner, Deutscher Freidenker-Verband, Friedensinitiative Bramfeld, Geschichtswerkstatt St. Georg (Heimatkunde), Freunde der Spanischen Republik, Bündnis gegen Rechts, Hamburger Forum für Völkerverständigung und weltweite Abrüstung, Initiative Europäischer Friedenspfad, Gedenkstätte Ernst Thälmann, Naturfreunde, Projektgruppe für die vergessenen Opfer des NS-Regimes, Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten, Stadtteilkollektiv Rotes Winterhude, VVN, Willi-Bredel-Gesellschaft.

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2012

Die Hamburger Bürgerschaft beschließt die „Errichtung eines Denkmals für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz“ NEBEN dem Kriegsklotz, der „trotz der Mitte der 1980er Jahre unternommenen Anstrengungen im Kontext mit dem Gegendenkmal von Alfred Hrdlicka nichts von seiner Problematik verloren hat“.

Die Forderung „Der Kriegsklotz muss weg“ verschwindet endgültig aus der Öffentlichkeit. Linke , VVN und andere Antifas löschen sie von ihren websites. Auch die Fotos von früheren Aktionen gegen den „Kriegsklotz“ verschwinden aus dem Internet.

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2013 ( Januar/Februar)

Neue Militärjustiz und Kollateralopfer:
Die Deserteur-Ausstellung als Bühne der neuen Militärpolitik

Im Hamburger Rathaus wird die Ausstellung „Deserteure und andere Verfolgte der NS-Militärjustiz – Die Wehrmachtgerichtsbarkeit in Hamburg“ gezeigt. Veranstalter sind die Landeszentrale für Politische Bildung, die Hamburgischen Bürgerschaft und die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Die Gedenkstätte ist inzwischen eine staatliche Einrichtung und betreut bis hin zum Thema „Feuersturm“ oft federführend die staatlich gelenkte Erinnerungskultur. Zugleich forciert sie die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr.

→ Kuratoren der Ausstellung sind Dr. Magnus Koch und Lars Skowronski von der staatlichen Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, die u.a. die Wandersaustellung „Was damals Recht war …– Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ verantwortet (dazu wird es auf diesem Blog einen eigenen Artikel geben).

Dr. Magnus Koch tritt am 7.1.2015 im Rahmen der Veranstaltung „Gedenken neu denken! Erinnerungsorte und -rituale auf dem Prüfstand“ im Kulturzentrum Zinnschmelze in Hamburg-Barmbek auf, das von der Landeszentrale für politische Bildung finanziert wird und an dem u.a. Vertreter der Nordkirche (die sich bis heute nicht zur Rolle der – meist nationalsozialistischen – Militärpfarrer in den KZs und Hinrichtungsstätten und Wehrmachtsgefängnissen geäußert hat) und der proklerikale Rechtspopulist Dietrich Wersich teilnehmen werden. Auf der Bundeswehr-Homepage „Unser Heer“ ist Dr. Magnus Koch als Kurator der Ausstellung im Panzermuseum Munster zu sehen.

→ Im Februar 2013 fand im Rahmen dieser Ausstellung eine Podiumsdiskussion zum Thema „Neue Militärjustiz? Zur Einführung eines zentralen Gerichtsstands bei besonderer Auslandsverwendung der Bundeswehr“ statt. Referenten waren Christian Sieh vom Deutschen Bundeswehrverband, Dr. Gerd Hankel vom Hamburger HIS, Dr. Marc Tully vom Hamburgischer Richterverein sowie Günter Knebel von der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, Bremen

Anmerkungen zum Deutschen Bundeswehrverband
1997: Rechtsextreme Umtriebe.
2009: Sendung Kontraste: Durch die Kasernen der Bundeswehr weht immer noch der Geist der Wehrmacht.
2009: Bundeswehrverband schließt NPD-Bundesvorsitzenden Udo Voigt aus:
2015: Bundeswehrverband betreibt weiter das nach dem Kriegsverbrecher Molinari benannte Bildungswerk.

Anmerkungen zu Gerd Hankel
Wie Magnus Koch war Gerd Hankel 1999- 2001 an der „Überarbeitung“ der ersten Wehrmachtsausstellung beteiligt. Er arbeitet heute zum Thema „Genozide“. Vorträge bei der Bundeswehr: 14. Februar 2012, Marineschule Mürwik: „Die Wehrmachtjustiz zwischen Widerstand, Anpassung und Radikalisierung“ (Flensburg-Mürwik ist die Offiziersschule der Deutschen Marine). 25. Juni 2013: „Das humanitäre Völkerrecht im nicht-internationalen Konflikt“, Vortrag im Rahmen des Symposiums „Kollateralopfer – Die Tötung von Unschuldigen als rechtliches und moralisches Problem“, Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.

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2013 (November)

Schwerpunktnummer der Taz-Nord zum Volkstrauertag

Interview mit einem Bundeswehrsoldaten

Ich gehe heute nicht mehr in einen Auslandseinsatz mit dem blöden Spruch auf dem 76er-Denkmal – dem „Kriegsklotz“ – am Hamburger Dammtor: „Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen“. Ich hätte kein Verständnis, wenn jemand in größter Not sagt: „Nö, jetzt will ich nicht, ich desertiere.“ Er kann immer rechtzeitig den Kriegsdienst verweigern. Die Denkmale vergangener Kriege sind Zeitzeugen. Wenn jemand sagt, „der Kriegsklotz muss weg“, ist das ein wunderbarer Aufhänger, um eine Debatte zu führen und sich Sachen wie Krieg, Leid, Verantwortung, Trauer bewusst zu werden.

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2013 (Dezember)

Neue Erinnerungsorte in Hamburg:
Bombenkrieg, Deserteure, U-Boot-Bunker

„Die Errichtung des geplanten Deserteur-Denkmals als Gedenk- und Erinnerungsort ist ein Baustein innerhalb eines zukünftigen Gesamtkonzeptes für den Einsatz alternativer Formen des Erinnerns und Gedenkens. (…) Die dynamische Entwicklung in der Erinnerungsarbeit in Hamburg zeigt sich darin, dass mehr als zwanzig Gedenkstätten neu entstanden. Dazu zählen das 2004 in Rothenburgsort eingeweihte neue Denkmal für die Opfer des Feuersturms … , das 2006 in Finkenwerder eingerichtete Mahnmal U-Boot-Bunker Fink II, das 2007 in Hamm in Erinnerung an die Opfer des Bombenkriegs als Mahnmal für den Frieden geschaffene „Totenhaus“ und das 2013 am Mahnmal St. Nikolai mit der Dauerausstellung „Gomorrha 1943 – Die Zerstörung Hamburgs im Luftkrieg“ neu eröffnete Museum“. (Kulturbehörde, Amt für Kultur: Gedenkort für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz. Nichtoffener Gestaltungswettbewerb, Hamburg 2013).

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2014 (Mai)

Das „Bündnis für ein Hamburger Deserteursdenkmal“ veranstaltet unter dem Motto “Tanz den Klotz“ mit einer Reggae-Band und Buden ein Fest neben dem Nazi-Denkmal. Mit dabei sind diesmal Peggy Parnass, Victor Grossman, Kai Degenhardt, Jörg Isermeyer, Spielwerck, Ursula Suhling, Nina George, Daniela Kletzke, Maresa Lühle, Sabine Rheinhold, Inga Sawade, Klaus Robra und Thomas Ebermann.

Um die eigenen staatstragenden Absichten unter Beweis zu stellen, wird jeder Bezug auf Deutschland vermieden. Besonders wichtig ist es dem Bündnis, sich von der immer noch verbreiteten polemischen Umkehrung „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“ und von der Forderung nach ABRISS des Nazi-Baus abzugrenzen. Da man sich aber irgendwie auf die Nazi-Inschrift beziehen muss, streichen die linksalternativen Patrioten „Deutschland“ einfach raus und ersetzen es durch „Krieg“. Die eigene Umkehrung lautet nun: „Der Krieg soll sterben, damit wir leben können“.

Der bodenlose Opportunismus mündet umgehend in Geschichtsrevisionismus. Als wäre es den Nazis gar nicht um Deutschland gegangen, als sei der nationalsozialistische Vernichtungskrieg ein Krieg wie jeder andere gewesen, als wäre es besser gewesen, wenn auch der antifaschistische Krieg „gestorben“ wäre, als gäbe es „den Krieg“ als Selbstzweck, als sei „Deutschland soll leben“ etwas anderes als „Wir sind ein Volk“ und die Politik der Berliner Republik.

(siehe dazu: „Der Faschismus der Antifaschisten“ in Pier Paolo Pasolinis „Freibeuterschriften“).

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2015

Kurz vor der Fertigstellung steht der Umbau des Sitzes des ehemaligen Generalkommandos des X. Armeekorps der Wehrmacht (zugleich Wehrkreisverwaltung Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, zugleich Sitz des Oberkommandos der Wehrmacht als größte Außenstelle des Amts Ausland-Abwehr, zugleich Schauplatz der Wehrmachtsjustiz) in Hamburg-Harvesterhude (Sophienterrasse 14) zu Luxuswohnungen unter Erhalt der „historischen, denkmalgeschützten Vorderfront“.

Das X. Armeekorps steuerte die überwiegend am Vernichtungskrieg beteiligten Heeresgruppen Süd (8. Armee), Nord (16. + 18. Armee), A (6.+9. Armee), B (4.+18. Armee), C (16. Armee) und Kurland (18.Armee). Vor dem Umbau war die „graue Festung“ (Wilhelm Canaris) Sitz des Verteidigungsbezirks-Kommando 10 der Bundeswehr.

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2015 ( 20. September)
Deutsche Luftwaffe überfliegt Baltikum in voller Bewaffnung. Erstmals seit Beginn der Ukraine-Krise überwachen deutsche Kampfjets vollbewaffnet den Luftraum über dem Baltikum – ein Mittel, um „Russland auf Augenhöhe zu begegnen“. 2014 hatten die deutschen Kampfjets noch nicht die volle Kriegsausrüstung dabei. Zur Kriegsausrüstung zählen Infrarot-Kurzstreckenraketen, radargesteuerte Mittelstreckenraketen und elektronische Abwehrsysteme.

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Kontakt: dbd (at) riseup.net

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Hannes Heer – mit Bundeswehr, Kirche und KONKRET

Hannes Heer
Vergrößern mit Rechtsklick

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Christianisierung der „Vergangenheitsbewältigung“

Die deutsche „Erinnerungskultur“ hält Schritt mit dem Staat für den sie gemacht wird. Das war schon damals so, als parallel zur deutschen Aggression gegen Jugoslawien die Verbrechen der Wehrmacht historisiert wurden. Heute arbeiten Bundeswehr und KZ-Gedenkstätten zusammen, werden Gedenkstättenmitarbeiter aus Neuengamme Referenten an der Bundeswehrhochschule, berät Reemtsmas HIS die Bundeswehr und diskutiert ein Bundeswehroffizier mit KONKRET-Autoren auf einer von der Kirche finanzierten Erinnerungskulturveranstaltung:

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10. Oktober 2015
Kampnagel, Halle k1, Jarrestraße 20, 22303 Hamburg
70 Jahre Kriegsende. 20 Jahre Wehrmachtsausstellung
Das Ende der Legende von der „sauberen Wehrmacht“ und die neuen Legenden
Anmeldung: Evangelische Akademie der Nordkirche,
Kostenbeitrag 15 Euro

20 Jahre nach der Eröffnung der „Wehrmachtsausstellung“ wollen wir erinnern und fragen: Was waren die Ziele der Ausstellung und wie waren die Reaktionen? Welche gesellschaftlichen Kräfte haben ihren Rückzug erzwungen? Was hat sich durch die Ausstellung verändert im Umgang mit der deutschen Schuld in den besetzten Ländern Europas? Hat die Wissenschaft die Impulse der Ausstellung aufgegriffen? Welche neuen Legenden produzieren heute Film und Fernsehen?

Referenten

• Hannes Heer, KONKRET-Autor.
• Erich Später, Böll-Stiftung, KONKRET-Autor.
• Dietrich Kuhlbrodt, KONKRET-Autor.
Pastor Ulrich Hentschel, Nordkirche.
Bundeswehroffizier Matthias Rogg, Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, Universität der Bundeswehr Hamburg.
• Detlef Garbe, Gedenkstätte Neuengamme (trommelt für die Zusammenarbeit von Gedenkstätten und Bundeswehr).
• Habbo Knoch, Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten, Prof. Uni Köln („Patriotismus hat an Präsenz gewonnen, ohne dass sich ein Neonationalismus ausbreiten konnte“).
• Christoph Rass, Auftragsforschung zum Bundesnachrichtendienst.
• Wolfgang Wippermann und Gabriele Heinecke

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Die Zeitschrift KONKRET hat diese von der Nordkirche finanzierte Veranstaltung als eigene angekündigt und die Beteiligung von Bundeswehr, Kirche, Garbe etc. einfach unterschlagen:

konkret-Debatte: Wessen Schuld?
Am 10. Oktober findet in Hamburg auf Kampnagel eine Tagung zum Thema „70 Jahre Kriegsende – 20 Jahre Wehrmachtsausstellung: Das Ende der Legende von der »sauberen Wehrmacht« und die neuen Legenden“ statt. Auf den Podien werden u.a. Hannes Heer, Erich Später, Dietrich Kuhlbrodt, Wolfgang Wippermann und Gabriele Heinecke diskutieren.

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Zweck der Veranstaltung

ist die Einordnung der beiden Wehrmachtsausstellungen in die Erfolgsstory der „Erinnerungskultur“ der Berliner Republik. Vom Happy End her erzählt, ist das Ergebnis schon klar: Das Pro & Contra damals war die kollektive Katharsis, die – genau zu dem Zeitpunkt als die Alten den Jungen das um die DDR vergrößerte „Deutschland“ sowie das Erbe übergaben – den Frieden zwischen Tätergeneration und den 68ern, 78ern etc. ermöglichte.

Die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ war ein intergenerationelles Rollenspiel, in dem eine gemeinsame Binnensicht inszeniert und die Nachkommen zum Teil der Geschichte der Alten wurden. Nachdem die Jungen Deutschland nicht mehr in Frage stellten (Ende des Linksradikalismus), weil sie es selbst gestalten wollten, wurden ihnen Vernichtungskrieg und Holocaust zum Tauschmittel zwischen den Generationen. Die „Bewältigung“ wurde zum Gründungsmythos des neuen Deutschlands.

Hannes Heer, hatte damals von der Möglichkeit des „Friedens zwischen den Generationen“ gesprochen, der „uns“, „dem deutschen Volk“ in einem kathartischen Prozess durch Konfrontation mit der Wahrheit zukommen könnte.

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Die Wehrmachtsausstellung im Bundestag

Auf Antrag von Bündnis 90/Die Grünen diskutierte am 13. März 1997 der Bundestag über eine Stellungnahme zu der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Von „einer epochemachende Sitzung“ sprach Hannes Heer anschließend in der FR. Im Parlament habe man quer zu den konträren Positionen „eine gemeinsame Ebene gefunden.“ Auch das Alternativmilieu schwärmte:

Bei der Rede von Otto Schily schlug die Stimmung um. Die Abgeordneten hörten einander zu. Alle nahmen mit eigenen Schicksalen und Familiengeschichten einander zur Kenntnis. Dann kämpfte Schily mit Tränen.“(TAZ). Theo Waigel erzählt von seiner Kindheit. Christa Nickels sprach über ihren „Papi“: „Es ist furchtbar, zu was man diese Männer in diesem verbrecherischen Krieg gemacht hat“.

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Bomben auf Dresden und Belgrad

Nicht erst seit der zweiten, sondern schon bei der ersten Ausstellung sprach man lieber über deutsche Opfer. Erhard Eppler eröffnet am 1. September 1995 die Ausstellung mit dem Satz: „Der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung bleibt auch dann ein Verbrechen, wenn damit die Bomben auf London vergolten wurden.“

Hannes Heer selbst hatte schon im März 1995 der Hannoverschen Allgemeine dieselbe Ansicht kundgetan: „Auch die Bombardierung Dresdens ist für Heer selbstverständlich ein Kriegsverbrechen gewesen“ (Hannoversche Allgemeine, 23.3.95).

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Vier Jahre später, im März 1999 nutzte die Kölner Bürgermeisterin die Ausstellung als Forum für den deutschen Kriegseinsatz in Jugoslawien und Hannes Heer fügte hinzu: „Ich bin ein Befürworter der Intervention gewesen. Ich habe das auch geäußert im Rahmen der Öffnung der Ausstellung“.

Hannes Heer dachte damals schon an den Gewinn für die außenpolitische Selbstdarstellung: „So, wie die Auseinandersetzung mit dem Holocaust uns auch im Ausland Respekt verschafft hat, werden wir uns auch in diesem Punkt die Anerkennung unserer Nachbarn verdienen.“

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Einfühlung in die Täter

Neues Deutschland, 27. Januar 2008
Frage: Thomas Mann schrieb vom »Bruder Hitler«, Heinar Kipphardt von »Bruder Eichmann«. Meine Frage zielte auf den eigenen Anteil, den jeder Mensch auch in jedem Großverbrecher entdecken kann, ja sogar muss. Hannes Heer: Ja, man entdeckt da schnell eigene Anteile, und seien sie – zum Glück – nur tief im Verborgenen und nur im ehrlichen Selbstgespräch zugänglich. In jedem Menschen stecken ambivalente Potenziale, deren mögliche Ausschläge zum Guten oder Bösen von vielen subjektiven und objektiven Faktoren abhängig sind. Alles ist eine Mischung aus Fügung und Charakter, von Situationen und eigenem Wesen.

Genau so argumentieren Sönke Neitzel und Harald Welzer in ihrem geschichtsrevisionistischen Buch „Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“: Die deutsche Gewalt im Vernichtungskrieg war „situativ“ bedingt; „ambivalente Potentiale“ werden in jedem Krieg mobilisiert.

Die gemeinsame Binnensicht zwischen den Alten und den Nachkommen vollzog sich auf diese Weise durch Einfühlung in die Täter.

Heer: „Nur wenn wir der Frage „Vater, wo warst du?“ die andere hinzufügen: „Wo hätte ich damals gestanden? Wie hätte ich reagiert?“, können wir diesen Krieg in unserem Volk (sic!) endlich beenden.“

Und weiter: „Ich habe diesen Menschen (Ex-Wehrmachtssoldaten in der Ausstellung) gesagt und sage es auch heute: Laßt es zu, es ist der einzige Weg, wieder zu Euch zu kommen, den blockierten Schmerz zu lösen, das Geschehen zu akzeptieren und den Krieg zu beenden. Wir, Eure Söhne und Töchter, eure Enkel werden euch – anders als 1968 – nicht selbstgerecht verurteilen und moralisch verdammen. Wir werden den Schmerz mit Euch teilen, im Wissen, daß keiner von uns sagen kann, er hätte in eurer Situation anders, anständiger gehandelt. Die Ausstellung ist die Chance dazu, diesen Prozeß des Dialogs und der Versöhnung einzuleiten. Viele ehemalige Soldaten haben es in den Gästebüchern und in Briefen getan. Viele ihrer Kinder haben es voll Mitgefühl aufgenommen.“ (5/99)

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Hannes Heer war ganz vernarrt in diese Idee, sie war sein Hauptantrieb: „Nur wenn wir Jüngeren uns in Demut und Geduld mit den Alten verbünden (!), können wir den Prozeß, der mit der Ausstellung für sie in Gang gekommen ist, zum Abschluß bringen.“ (Aachen am 17.4.1998).

Der Gestus „Wie hätte ich gehandelt?“ steht psychoanalytisch gesehen für die Gegenübertragung. Sie kommt aber erst mit dem Erbe und dem Machtantritt zur Geltung. Der Vergleich der eigenen Biographie mit jener der Eltern wird dann erst sinnvoll und materialreich. Die Jüngeren, die das Reden und Schweigen der Alten so reinterpretieren, daß die Tabuzonen nicht wirklich verletzt werden, geben ihrem Identifikationsbedürfnis nach, indem sie rhetorisch nach den möglichen eigenen Täteranteilen fragen: So einigte man sich hinter dem Rücken der Opfer.

Für mich hat es eine Ära gegeben, in der es zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist, in die unsere Väter verwickelt waren. Und gleichzeitig hat es in diesem Rahmen des NS-Regimes Vorgänge gegeben, die nicht zu akzeptieren sind“.

Das sagte nicht Heer, sondern Jörg Haider. Bei Heer klingt es so:

Mein Vater blieb Parteimitglied bis zum Ende des Krieges. Aber man kann diese Menschen nicht nur als Mitwisser von Verbrechen bezeichnen, man muß gleichermaßen zur Kenntnis nehmen, daß sie selbst viel Leid, Todesängste, Verwundungen, Kameradentod und Gefangenschaft erlebt haben.“

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Musealisierung

Heer war mit seinem Katharsis-Tick (*) einigen zu fanatisch, zumal Deutschland nach dem ersten militärischen Auslandseinsatz schon weiter gekommen war. Die FAZ, die heute jeder Besprechung von Büchern über die Verbrechen der Wehrmacht den Satz hinzufügt: „Das wusste man doch immer schon“, bremste die erste Ausstellung mit antikommunistischen „Enthüllungen“ aus. Reemtsma, dem es um seine Anerkennung ging, machte eine zweite Ausstellung ohne Katharsis.

Diese zweite Wehrmachtsausstellung ging dann den Weg konsequenter Musealisierung. Trotzdem bilden beide Ausstellungen eine Einheit: „Es stimmt natürlich, …dass man daran – es gibt zwei Ausstellungen zum selben Thema, mit derselben These, aber einer völlig anderen Darstellungsweise – viel ablesen kann“. (Reemtsma, ZEIT 22.1.04)

(*) Heers Versöhnungsdrang („niemand nahm diesen Männern die Beichte ab“) nimmt bis heute krasse Formen an. 2010 erschien unter dem Titel „Wir waren keine Menschen mehr“ der „Zeitzeugenbericht“ des ehemaligen Wehrmachtssoldaten Luis Raffeiner. Es handelt sich um eine Mischung aus Landsergeschichten, eigenartigen Rechtfertigungen (wir standen unter Alkohol) und Geständnissen (wie alle hat auch Raffeiner die Judenmorde nur aus großer Entfernung „gesehen“). Heer ist ganz begeistert von dem Mann, hat das Nachwort zu dem Buch geschrieben und ließ sich mit dem „Zeitzeugen“ fotografieren. Die Inszenierung war derart aufdringlich, dass es einem Rezensenten auf dem sonst eher moderaten Blog literaturkritik.de zuviel wurde. Unter der Überschrift: „Kein Mensch mehr – aber anständig geblieben“ heißt es , Raffeiners Bemühen, die eigene Anständigkeit herauszukehren, wirke auf den Leser wenig überzeugend. Heer aber verliere sich in Spekulationen und mache Raffeiners dubiose Äußerungen „zu einem Zeugnis an Eides statt“, gerade so als sei der Nachweis der Judendeportationen aus dem Ghetto Minsk von einem Mann wie Raffeiner abhängig.

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Manufaktur für Vergangenheits-Entsorgung

Hannes Heer beklagte einige Jahre lang den „Verrat“ von Reemtsma, obwohl dieser mit seiner Anbiederung an die Alten öffentlich nie so weit ging wie Heer selbst.

Heute denkt er wie sein ehemaliger Chef: „FRAGE: Welche Auswirkungen hat das jahrelange Schweigen über die Nazi-Zeit auf unsere Gesellschaft – möglicherweise bis heute – gehabt? HEER: Früher war ich in dieser Frage sehr selbstgewiss und hatte ein klares Urteil, heute weiß ich nicht, ob es zur Politik der Nachkriegszeit – keine öffentlichen Debatten über die Nazi-Vergangenheit, Integration vieler Nazis, um die Westbindung der Bundesrepublik zu beschleunigen – wirklich eine Alternative gegeben hat.“ (Hessisch-Niedersächsisch Allgemeine, 26.01.2009).

Das ist allgemeiner Konsens seit langer Zeit: Die „Integration“ von Nazis durch andere Nazis in die postfaschistische BRD war nicht immer schön anzusehen, aber alternativlos. Nachdem die Alten weitgehend abgetreten waren, konnte „die Moral wieder zum Maßstab der Geschichte, der kollektiven wie der individuellen, gemacht wurde“ (Heer im Hamburger Abendblatt am 6.10.2015) . Die Schuld konnte „erkannt und auch angenommen“ werden.

Und sogleich mit den „Verbrechen der anderen“ seit 1918 verrechnet werden: „Die Nazis hatten ein Gefühl für die Nöte der Menschen. Versailles zum Beispiel – eindeutig war das kein Friedensvertrag, sondern eine Art Kriegs-Friedensvertrag, diktiert vor allem von französischen Interessen.“ (Heer im Neuen Deutschland, 27. Januar 2008).

So steht es auch in KONKRET 8/15 (der Vertrag von Versailles als „Verwüstung“ Deutschlands) und so abgeklärt hört sich das Publikum im Golem, im Polittbüro und anderswo gerne Hannes Heers Märchenstunde über „die großen deutschen Geschichtsdebatten von 1968 bis heute“ an. Es ist alles schon historisiert und schön eingefügt in die Erfolgsgeschichte von der Gutwerdung der Deutschen. Selbst ein guter Film wie „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist heute FAZ-kompatibel, weil er 50 Jahre zu spät kommt und daher auf das Konto „Helles Deutschland“ einzahlt.

Heer betreibt heute mit einigen Leuten eine Art kommerziellen ambulanten Vergangenheitsprobleme-Entsorgungs-Verein, der seine Dienste Firmen und Institutionen anbietet. Überdies ist er Dauergast von evangelischen Akademien, Kirchen und Kirchentagen, wo die „deutsche Erinnerunsgkultur“ christlich konnotiert (Schuld, Beichte, Verzeihung), kontrolliert, finanziert und an die jeweiligen politischen Erfordernisse angepasst wird:

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Glaube aktuell , 3. Oktober 2015
Wechsel in der Studienleitung für Erinnerungskultur in der Evangelischen Akademie der Nordkirche: Pastor Ulrich Hentschel (siehe die Referentenliste oben!) wird von Landesbischof Gerhard Ulrich und Propst Karl-Heinrich Melzer verabschiedet, Nachfolger ist Dr. Stephan Linck. Am 3. Oktober 2015 wird Pastor Hentschel in einem Gottes­dienst in den Ruhestand verabschiedet. Anlässlich der Verabschiedung findet am Sonntag, 4. Oktober ein Symposium statt. Unter den Beiträgern sind Weggefährten wie Hannes Heer und der Theologieprofessor Fulbert Steffensky. Christianskirche Ottensen.

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⊗ ⊗ Nordkirche gedenkt Bonhoeffer, 9. April 2015
Die Veranstaltungen beginnen mit einer musikalischen Andacht. Bischof Hans-Jürgen Abromeit erinnert an das Leben und Werk Bonhoeffers. Im Hamburger Kirchen- und Diakoniezentrum „Dorothee Sölle Haus“ werden der Historiker Hannes Heer und der Theologe Ralf Wüstenberg erwartet. (Hinweis: Bonhoeffer war ein antisemitischer Gegner der Weimarer Republik und Hitler-Anhänger. Er war dann enttäuscht, dass die Nazis keinen Gottesstaat wollten).

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⊗ ⊗ ⊗ St. Nikolai-Kirche
Gemeindebrief 1/2013
Mittwoch, 22. Mai 2013, 20 Uhr
Nikolai-Saal – Harvestehuder Weg 118
Erinnerungskultur: Gesprächs- und Diskussionsabend mit Hannes Heer und Hauptpastor u. Propst Claussen, Hauptkirche St. Nikolai. Eintritt frei, Kollekte erbeten.

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⊗ ⊗ ⊗ ⊗ Kirchentag Hamburg,
Mittwoch, 1. Mai 2013
Die Nazizeit als Problem annehmen:
Der Eimsbütteler Turnverband hat das getan.

Moderation: Hannes Heer, Historiker, Hamburg. Gestaltung: Peter C. Schmidt, Hamburg (Geschäftspartner von Heer)

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■ Wie Heer zum Eimsbütteler Turnverband (ETV) kam, ist eine spezielle Geschichte, die im Detail an anderer Stelle erzählt werden muss. Im Mai 2014 berichtete die Anzeigenpostille „Elbe Wochenblatt“ folgendes:

125 Jahre: Gala im ETV-Sportzentrum mit 400 Gästen
Flinke Turner, flotte Fechter, heiße Tänzer: Im Sportzentrum an der Bundesstraße feierte Eimsbüttels größter Sportverein sein 125. Jubiläum. 400 geladene Gäste, Talk mit dem Bürgermeister, ein Lied von Bernd Begemann und ARD-Lady Gabi Bauer als Moderatorin. Die flotten Auftritte wurden umrahmt von Gesprächen über Herkunft, Gegenwart und Zukunft des Vereins. Bemerkenswert: Die Vergangenheit des ETV in der Nazizeit hatte einen zentralen Platz in der Gala. Der Historiker Hannes Heer berichtete über die Ergebnisse seines Forscherteams, das der ETV beauftragt hatte.

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■ Hier nur so viel:

Die „Ergebnisse seines Forscherteams“ gab und gibt es seit 2006 im Internet. Veröffentlicht von einer Initiative, die den ETV gezwungen hatte, eine nach einem Nazi (Robert Finn) benannte Halle umzubenennen. Doch der reaktionäre Großverein wollte es nicht auf sich sitzen lassen, dass er von außen unter Druck gekommen war. Außerdem wollte er eine Darstellung in der – abgesehen von zwei längst verstorbenen Funktionären – keine Täter aus dem Verein namentlich erwähnt werden. Nicht zuletzt sollte die völkische und nazistische Vergangenheit des ETV von der Nachkriegszeit und heutigen Gegenwart abgetrennt werden. Anders als bei der erwähnten Initiative sollte das „Vergangenheitsthema“ historisiert und abgeschlossen werden.

Der ETV engagierte nacheinander mehrere „eigene Historiker“. Sie sollten die Enthüllungen der Initiative als Laien-Werk delegitimieren. Beim ersten Versuch ging das schief. Dann buchte der reiche Großverein das Komplettangebot der Truppe von Hannes Heer (Text, Erinnerungssteine, Tafeln, Pressearbeit, Auftritt bei der 125-Jahre-Feier). Sie sollten, was allgemein schon lange bekannt war und seit 2006 auf einer Homepage einsehbar war (darüber berichtete 2006 auch die Hamburger Morgenpost) nochmal als ETV-eigene Leistung darstellen, aber so, dass alles am 8. Mai 1945 endet und außer zwei oder drei führenden ETV-Funktionären, die schon 50 Jahre tot sind, niemand beschuldigt wird. Außerdem ging es darum, dass der ETV einen Wehrmachts-Gedenkstein und vier völkische Runen (darunter zwei Hakenkreuze) trotz vieler Proteste auf keinen Fall entfernen wollte.

Dank Heers „Forscherteam“ endet die völkische ETV-Geschichte jetzt am 8.Mai 1945. Außerdem ist das Nazi-Zeug immer noch am ETV-Zentrum zu sehen, jetzt aber versehen mit „Erklärungstafeln“. (s. „Schönere Hakenkreuze durch Vergangenheitsbewältigung“):

(Die Hakenkreuze und andere Runen sind bis heute dort angebracht – gegenüber der Hamburger Synagoge. Den Wehrmachts-Gedenkstein hat der ETV 2015 entfernt, weil er einer Baumaßnahme im Weg stand. Heer hatte diesen Stein damals für den ETV durch Anbringung eines „Erklärungssteines“ direkt neben dem Wehrmachts-Stein gegen alle Proteste „gerettet“, weil das Herz vieler ETV-Mitglieder an dem Wehrmacht-Stein hing, auf den sich sogar der Name der Vereinskneipe bezog. Heer erklärte das Nazi-Zeug einfach zum Mahnmal. Sein „Erklärungsstein“ nebendran, der damals als „Kunstwerk“ gut bezahlt wurde, steht jetzt ohne Referenz da und wird deshalb wohl auch bald verschwinden).

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Christianisierung

Mit Heers Präsentation des ETV auf dem Kirchentag wurde die unfreiwillige „Gutwerdung“ des ETV als eine Art christliche Läuterung dargestellt. Der ETV-Geschäftsführer griff zur offenen Lüge und behauptete, der Verein sei ganz allein auf seine nun zu beichtenden „Sünden“ gekommen, die Heer & Friends endlich aufgeschrieben hätten.

Diese Christianisierung einer jahrelangen Auseinandersetzung war besonders perfide, weil der ETV mit einem evangelikalen Klinikkonzern verbündet ist. Die Initiative, die 2006 die Nazi-Vergangenheit sowohl des ETV als auch der Evangelikalen aufdeckte, sollte aus dem politischen Feld gedrängt werden. Insgesamt eine düstere Geschichte lokaler „Erinnerungskultur“, die noch auf eine Gesamtdarstellung wartet.

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EXKURS zur Evangelischen Akademie der Nordkirche

Die Zusammenarbeit mit klerikalen Institutionen ist längst auch für deutsche Linksalternative und Kulturlinke eine Selbstverständlichkeit. Die letzten Versuche, laizistische Minimalstandards in Deutschland durchzusetzen, scheiterten 1918 mit der Novemberrevolution. Heute ist die politische Klasse der BRD zu fast 100% christlich organisiert. Eine Art Pastoralherrschaft hat sich etabliert mit einer Pastorentochter und einem Pastor an der Spitze. Merkel sagte kürzlich zum Flüchtlingsthema: „Ich halte es mal mit Kardinal Marx, der gesagt hat, der Herrgott hat uns diese Aufgabe jetzt auf den Tisch gelegt’“. Linken ist das nicht einmal aufgefallen.

Hannes Heer macht ständig Veranstaltungen „in Kooperation mit dem Arbeitsbereich Erinnerungskultur der Evangelischen Akademie der Nordkirche“. Die Leute vom Golem-Club (und dort das KONKRET-Milieu das sich „Die Untüchtigen“ nennt), die Leute vom Polittbüro (Steindamm, Hamburg), die Rosa-Luxemburg-Stiftung der Linkspartei, die Gedenkstätten-Beamten von Neuengamme und viele andere haben damit absolut kein Problem.

Ihr selbstverständliches Zusammenwirken mit den staatstragenden Klerikalen führt zu einer hermetischen Schließung, einer Form von Totalitarismus durch den jede grundsätzliche Kritik an den Machtverhältnissen marginalisiert wird. Dass ausgerechnet die Nordkirche, die eng mit dem Hamburger Staatsapparat und den politischen Parteien verbunden ist, einen „Arbeitsbereich Erinnerungskultur“ betreibt, der Veranstaltungen zu „erinnerungspolitischen“ Themen finanziert, macht niemand skeptisch.

Vorgänger der Evangelischen Akademie der Nordkirche war die Evangelische Akademie der Hamburgischen Landeskirche. Sie war nach 1945 sehr lange Zeit ein Zentrum alter Nazis. Über diese Zeit gibt es kaum öffentlich zugängliches Material. Bei Wikipedia kommt die Evangelische Akademie der Hamburgischen Landeskirche überhaupt nicht vor: Man hat sie mit dem Eintrag „Evangelische Akademie der Nordkirche“ einfach verschwinden lassen. Reste der gesäuberten und 1991 nach Kiel verlagerten Archiv- und Bibliotheksbestände (darunter Bernhard Bornikoel: Geburtenregelung und Eugenik – Stellungnahmen zu sexual-ethischen Gegenwartsfragen“, Agentur des Rauhen Hauses 1959) tauchen gelegentlich bei Ebay und ZVAB auf.

Fast jeder Pastor im Norden war zwischen 1933 und 1945 NSDAP-Mitglied, aber gerade die Nordkirche hat ihre antisemitische Vergangenheit fast komplett in der Versenkung verschwinden lassen. Absolut nichts legitimiert diese Institution einen „Arbeitsbereich Erinnerungskultur„zu betreiben. Man kann es aber auch so sehen: Der Einfluß der Klerikalen, die ihre Nazi-Geschichte faktisch verschweigen, sagt schon alles über Zweck & Inhalt dieser „Erinnrungskultur“.

→ Siehe dazu u.a. das weblog Eimsbüttel war kein Nazi.
→ Zu Gedenkstätten und Bundeswehr, siehe u.a. hier.

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Die Zukunft der deutschen Vergangenheit

Staat und Alternativ-Milieu erinnern sich gemeinsam

• Hannes Heer – Hamburg Tourismus GmbH
www.hamburg-tourism.de/erleben/events/hannes-heer/
Ein Abend im polittbüro mit Hannes Heer

Spielplan – das polittbüro
Wahrheit und Lüge im deutschen Geschichtsfilm
Gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung.
Hannes Heer – Mo., 26.10. 2015, 20.00 Uhr, Eintritt: 15,-
Hannes Heer – Mi., 11.11.2015, 20.00 Uhr, Eintritt: 15,-

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Kulturzentrum Zinnschmelze in Barmbek
und Geschichtswerkstätten Hamburg:
Tagung Gedenken neu denken!
Gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung.
7. November 2015

Teilnehmer:
• Pastor Ulrich Hentschel, Nordkirche (siehe Referentenliste oben)
• Magnus Koch (Mit-Macher der 2. Wehrmachtsaustellung, Kurator im Deutschen Panzermuseum)
• Hans Matthaei, Willi-Bredel-Gesellschaft (Antifa als Heimatkunde)
• Rita Bake, Hamburger Landeszentrale für politische Bildung
• Brigitta Huhnke („Erinnerungskultur im internationalen Vergleich“).
• Dr. Nele Fahnenbruck, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
• Dietrich Wersich, CDU MdHB (proklerikaler Rechtspopulist)
• Detlef Garbe, Neuengamme (siehe oben)
• Linkspartei (mehrere Funktionäre)

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Kontakt: dbd (at) riseup.net

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Patriotisch gegen Dunkeldeutschland

Patrioten
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Erst Griechenland-Bashing und Dunkeldeutschland, dann (gleichzeitig) das helle Willkommens-Deutschland gegen Rassisten in Ungarn, Polen, England etc., dann die schwarzrotgoldene Siegesfeier: 25 Jahre Superdeutschland aus DDR und BRD!

Was wäre dieses Deutschland ohne die Zustimmung der Leute?

Viel Zustimmung zu „Deutschland“ gibt es seit 1990 nicht nur bei der konformistischen Mehrheit, sondern auch von linker, kulturlinker, poplinker, linksradikaler, antinationaler, antirassistischer Seite.

Die Entscheidungen sind überwiegend schon 1990 gefallen.

Ganz eindeutig sagte damals die PDS: “ Ja zur Deutschen Einheit“ (denn „WIR sind EIN Volk“). Kurz darauf auch: „Ja zu Groß-Berlin als neue Hauptstadt und zum Reichstag als Sitz des Bundestages.“

Dann kamen die Hausbesetzter und der Party-Underground aus dem Westen ins angeblich leere Ostberlin, um dem Behörden- und Regierungspersonal aus Bonn kulturell den Weg zu ebnen.

Nach und nach kamen all die anderen. Die Hauptstadtzeitungsmacher, die Kölner Kunstszene, die Hamburger Schule etc.

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Doch das sind nur die vordergründigen Eckdaten:

Tief im Herzen wurde Superdeutschland als „Berliner Republik“ auch für viele Kritiker (und Warner vor dem Vierten Reich) ziemlich rasch zu IHREM Land. Ein großer Teil der Kritik an Eliten und Mob war immer patriotisch motiviert: Man wollte endlich stolz sein auf dieses Land.

Dieses neupatriotische Motiv verrät sich meistens am politikberaterischen Unterton „radikaler Kritik“. Man findet diesen Ton auch bei antinational oder irgendwie auch antideutsch orientierten Milieus.

Die Grundsatzentscheidung FÜR Superdeutschland wurde nicht immer an die große Glocke gehängt. Sie ist vor allem eine tägliche Praxis.

Das patriotische Motiv hinter der herrschaftskritischen, antirassistischen, antinationalen und antipatriotischen Rhetorik wird (als Variante der Lichterketten und des Aufstandes der Anständigen) soeben pünktlich zum 25. Jahrestag im Kontext der „Willkommenskultur“ kenntlich.

Die BILD-Ausgabe zum 3.Oktober 2015 schwärmt von der „Generation Einheit“, die cool hinter diesem Land steht. Abgrenzung von Nazis, Deutschlandfahnen, Merkel, Willkommenskultur , Asylverschärfung, Griechen-Bashing, Anti-Neoliberalismus … alles passt irgendwie zusammen, wenn es den gemeinsamen Fluchtpunkt „Helles Deutschland“ gibt.

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Ein wenig von dieser Melange wenigstens sporadisch festzuhalten (und zu kontextualisieren) ist ein Akt der Selbstverteidigung.

Spätestens während der Fußball-WM 2006 konnte man verstehen, was Victor Klemperer meinte, als er schrieb: „Beobachte, studiere, präge dir ein, was geschieht – morgen sieht es schon anders aus, morgen fühlst Du es schon anders; halte fest, wie es eben jetzt sich kundgibt und wirkt.“

Als Millionen 2006 erstmals mit Schwarzrotgold durch die Städte zogen, waren an den ersten Tagen sogar noch einige Normalbürger schockiert. Noch für um 1980 geborene Jugendliche waren Deutschlandfahnenträger eindeutig Rechte oder Nazis. Schon bald wurde, was 2006 noch ein Tabubruch war, von fast allen als normal empfunden.

So funktioniert das deutsche Spiel bei jeder neuen Runde. Jeder Tabubruch schafft neue Normalitäten und von dieser neuen Diskursebene aus können dann wieder neue deutsche Selbstverständlichkeiten durchgesetzt werden.

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nationalismus

April 2013

Berlin:
Tausende Kulturnationalisten demonstrieren gegen Mauerabriss

„Niemand hat die Absicht, Luxuswohnungen zu errichten“: Mit Plakaten und Parolen haben rund 6000 Kulturnationalisten gegen den Abriss von Mauerteilen der „East Side Gallery“ in Berlin-Friedrichshain demonstriert. Im Frühjahr 1990 wurde dieses Teilstück von 118 antikommunistischen „Mauer-Künstlern“ aus 21 Ländern auf einer Länge von einem Kilometer mit Frontstadt- und Freiheits-Propaganda bemalt. Antikommunistisch indoktrinierte Touristen treffen sich seither hier zum Fotoshooting.

Der Teilabriss des „weltweit bekannten Denkmals“ wurde durch den Protest der popkulturellen Nachwuchs-Nationalisten gestoppt. „Künstler und Bürgerinitiativen“ sammelten 7000 Unterschriften und gehen davon aus, dass sie in Berlin problemlos 50 000 Nationalbesoffene finden werden, die das knalldeutsche Anliegen unterstützen werden. Nach den massiven Protesten hat der dem nationalen Kulturmilieu verpflichtete Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, erklärt, der Abriss sei nicht notwendig.

„Forderungen“:

→ „Keine Luxuswohnungen auf dem ehemaligen Todesstreifen! Gegen den Mauerabriss und Gentrifizierung“.
Bürgerinitiative Mediaspree Versenken

→ „Nur ein zusammenhängendes Mauerstück verdeutlicht authentisch, wie brutal der Todesstreifen Berlin einst zerschnitten hat“.
Kai Wegner, Generalsekretär der Berliner CDU

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Kontakt: dbd (at) riseup.net